Dr. Swami Vivekananda Saraswati
(Auszüge aus dem Buch YOGA AND KRIYA,
erschienen in der BIHAR SCHOOL OF YOGA)
YOGA Heft Nr. 7, Quelle: www.satyananda-yoga.de

Durch eine einfache und kurze Entspannungsübung können wir einen zeitweiligen Zustand der Entspannung herstellen, was so wichtig ist, damit sich der ganze Mensch erholen kann. Während dieser Periode der Ruhe und der klaren Gedanken sind wir in der Lage, das Leben realistischer zu sehen. Wenn wir entspannt sind, können wir über Situationen lachen, die uns noch eine halbe Stunde vorher das Blut zum Kochen brachten; wir erkennen, dass unser Nachbar, der uns kurz vorher wütend gemacht hat, gar kein so schlechter Mensch ist. Entspannt sehen wir die gleichen Situationen in einem neuen Licht. Und diese Methode verhilft uns zu einem positiven Wechsel unseres Lebens. Wir sehen deutlich die Probleme, die uns die Spaltung verursachen und können daran arbeiten, in eine andere Beziehung zu unserer Umgebung zu treten. (Dieser Prozess verläuft unterwusst und setzt voraus, dass wir uns der miteinander verstrickten Tatsachen bewusst sind.) Dies hilft uns, uns entspannter und verständnisvoller im Leben und anderen Menschen gegenüber zu verhalten. Aus diesem Grunde können uns schon einige wenige Minuten bewusster Entspannung helfen, unser Lebensbild in eine günstigere und harmonischere Richtung zu lenken.

Trotzdem wird hier nur die Oberfläche der Spannungsprobleme und der Unfähigkeit, zu entspannen, berührt. Die entscheidende Ursache liegt im Geist, in den Gedanken. Die Konflikte und Ängste sind eingebettet und wohlverpackt in den unterbewussten Gedanken, deren Beschaffenheit wir nicht kennen. Wir fühlen nur den Druck und den emotionalen Ärger, den sie in unserem Leben verursachen. Oft erleben wir das Ergebnis, aber den Grund der Probleme kennen wir nicht. Die Depression und die Spannung sind da, aber wir wissen nicht, woher sie kommen.

Es mag viele gute Ratschläge geben, aber letztlich gibt es nur eine einzige Methode, wie man diese unbewussten Eindrücke (in Sanskrit werden sie Samskaras genannt), die ein Großteil unseres Lebens zu einem unerfreulichen Drama werden lassen, loswerden kann: Wir müssen unsere Gedanken kennen lernen und die unterbewussten mentalen Eindrücke ins Blickfeld holen! Das erfordert Zeit und Kraft und körperliche und mentale Entspannung. Für die meisten Menschen ist es aber unmöglich, sich zu entspannen, denn sie haben so viele Sorgen und Probleme, dass sie total darin verstrickt sind, und so können sie ihren Gedanken und Gefühlen nicht näher rücken. Um das Bewusstsein von der äußeren Umgebung und den vielen kleinen Problemen zu entwirren und nach innen zu lenken, müssen wir uns entspannen können. Das ist ein entsetzlicher Teufelskreis: gedankliche Probleme und Stress machen es unmöglich, die Gedanken zu untersuchen, wodurch tiefere Probleme entfernt werden könnten; diese wiederum schaffen so große Verwirrung, dass ein Untersuchen der Gedanken gar nicht erst möglich ist. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Es gibt eine Methode, die auf den ersten Blick als moralisch oder als Indoktrination erscheinen mag. Es ist jedoch ein Weg, um zum Ziel zu kommen, um länger anhaltende Entspannung in unser Leben zu bringen, so dass wir schließlich das innere Reich der Gedanken entdecken und die wahre Quelle der Spannung entfernen können. Es ist die Grundlage, auf der die Meditation aufbaut.

Diese Methode scheint so einfach, dass man zuerst einmal dazu neigt, ihre Bedeutung zu verkennen. Sie in die Tat umzusetzen wird dann allerdings schon etwas schwerer. Man versucht, negative, spannungsgeladene Gedanken bewusst durch Gedanken, die der Entspannung und dem harmonischen Leben dienlich sind, zu ersetzen. Ein Beispiel kann das verdeutlichen: Stell Dir vor, dass Eskimos für Dich gewalttätig und roh sind. Jedes Mal, wenn Du einen Eskimo auf einem Bild oder in Natur siehst, wirst Du innerlich einen Schock erleiden, vielleicht keinen großen, aber ganz sicher wird Spannung aufkommen. Wenn Du Dir dies nun etwas kritischer anschaust und ganz bewusst den Gedanken entwickelst, dass er ein menschliches Wesen ist wie Du, dann wird sich Deine mentale Spannung verringern, die jedes Mal auftaucht, wenn Du einen Eskimo siehst. Dies ist natürlich nur ein Beispiel und vielleicht nicht einmal ein Gutes, denn die Probleme, die uns normalerweise Schmerzen verursachen, sind mehr persönlicher Natur. Nun, diese Methode wird nicht die Wurzel des Konflikts, wie Du Eskimos siehst, entfernen, – dies liegt im Unterbewusstsein vergraben. Aber diese bewusst entwickelte Gewohnheit wird Dir helfen, mehr und mehr zu entspannen; und schließlich kann man die Gedanken erkennen und kann dann das Grundproblem entfernen. Dies kann man auf alle Lebensbereiche anwenden. Zugegeben, es ist nur ein intellektueller Vorgang und kratzt nur an der Oberfläche, aber es ist eine wertvolle Hilfe, tiefer zu entspannen, und in einiger Zeit kann man dann die tief im Unterbewusstsein lagernden Eindrücke herausholen. Es ist ein Werkzeug, sonst nichts.

Alle Religionen haben uns das durch alle Zeitalter hindurch gepredigt. Als Christus, Buddha, Mohammed und verschiedene andere Religionsführer die Menschen aufforderten, ihr Verhalten anderen gegenüber zu korrigieren, zeigten sie den Weg zu einem glücklichen, spannungsfreien Leben, was der erste Schritt zu höherem Bewusstsein ist. Als Christus sagte: “Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!” war das keine Moralpredigt und auch kein Rezept für ein harmonisches soziales Leben. Wenn die mentale Spannung und Unruhe nachlässt, können wir mental und spirituell wachsen. Es ist ein sehr praktischer Rat. Dieses ‘Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’ ist auf einer höheren Ebene der Zustand der Verwirklichung, zu dem jeder Mensch kommen wird, wenn er seine Gedanken gereinigt hat und die Einheit des ganzen Seins erkennt. Im Moment wollen wir jedoch auf einer tieferen Ebene beginnen. Die verschiedenen Ausdrucksformen von Religionen waren immer dafür bestimmt, den Menschen zu mentaler Entspannung und klarem Denken zu verhelfen, damit die Einzelseele bewusster werden kann, um sich für die unendlichen Möglichkeiten des Lebens und des Bewusstseins zu öffnen. Entspannung ist die Tür zu Gesundheit, Glück und höherem Bewusstsein.

Was ist die größte Kunst? – und was ist am Leichtesten? Die größte Kunst ist die Selbstbeherrschung, und am Leichtesten ist es, unsere Nächsten zu kritisieren.

YH Nr. 56 (Quelle: www.satyananda-yoga.de)

Yogis haben eine ganz bestimmte Sicht- und Vorgehensweise, wenn sie Störungen im menschlichen Leben entdecken. Sie lassen sich leiten von uralten Ge­setzen, die schon in den ältesten Schriften der Menschheit zu finden sind: den Ve­den. Diese “heilige Lehre” ist viele tausend Jahre alt. Veda bedeutet Weisheit oder Wissen und es gibt vier große Veden: Rig Veda, Sama Veda, Yayurveda und Atharva Veda. In diesen Gesetzen finden wir ein Grundmuster, was allen alten Weisheitslehren ähnlich ist, und die­ses Muster möchte ich in einem stark vereinfach­ten Modell herausar­beiten.

Ayurveda und Samkhya

Ayurveda wird als Upaveda, als Zu­satz zum Atharva Veda, angesehen und ist eng verwandt mit der Sankhya Philosophie. Sankhya ist eine der sechs großen Philosophien Indiens.
Ayurveda, “das Wissen, die Wissen­schaft vom langen Leben, von der Gesundheit”, gilt als altes naturheil­kundliches System Indiens. Es basiert auf dem System der drei dynamischen Prinzipen, der Doshas, die mit den drei Grundeigenschaften des Materie-Prinzips (Prakriti) in Verbin­dung gebracht werden, den drei Gunas: Tamas, Rajas und Sattva.

Das Modell, welches ich beschreiben möchte, besteht aus fünf Grundprin­zipien:

  • Das erste Prinzip lautet:
    Was außen ist, ist auch innen. Der Makrokosmos – die Welt, und der Mikrokosmos – der Mensch, sind eins.
  • Das zweite Prinzip lautet:
    Der Kosmos sowie der Mensch bauen sich aus verschiedenen Elementen auf. Laut Sankhya und Ayurveda sind das die folgenden 24 Elemente: Purusha (als höchstes Bewußtsein) – Prakriti (als Urnatur, Energie) – Ma­hat Tattwa oder Buddhi (als höhere Erkenntnis) –  Ahamkara (das Ego oder das Ichbewusstsein) – fünf Janen­driyas (Sinnesorgane)- fünf Karmen­driyas (Handlungsorgane) – fünf Tan­matras (Geruch, Geschmack, Laut, Tasterlebnis, Farbe/Form) – fünf Tattwas (Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde)
  • Das dritte Prinzip lautet:
    Gleiches wird durch Gleiches ver­stärkt. (Als Beispiel: Ich verbrenne mir die Hand. Gehe ich mit der ver­brannten Hand in die Sonne, verstärkt sich der Brand).
  • Das vierte Prinzip lautet:
    Nahrung ist Medizin und Medizin ist Nahrung.
  • Das fünfte Prinzip lautet:
    Alles, was den Körper berührt, berührt auch das Bewußtsein mit Gedanken und Gefühlen und umgekehrt.

Diese fünf Grundprinzipien sollen nun näher erläutert werden:

Zu 1.: Was außen ist, ist auch innen. Der Makrokosmos – die Welt, und der Mikrokosmos – der Mensch, sind eins.

Der Kosmos wird als eine Ansamm­lung von verschiedenen Energiefor­men betrachtet, beginnend mit so feiner Energie, dass wir sie weder sehen noch mit Instrumenten messen können, bis zu unserem Körper als feste Materie und darüber hinaus zu gröbster Materie wie Steine und Fel­sen.
Energie und Materie sind auswechsel­bar, umwandelbar, was auch im We­sten seit Einstein und Heisenberg bekannt ist. Alles, was außerhalb von uns ist, wird als der Makrokosmos bezeichnet, was innerhalb von uns ist, als Mikro­kosmos. Der Mikrokosmos ist die menschliche Gestalt, – auf grober Ebene der Körper mit Kno­chen, Or­ganen, Zellen, Muskeln und der Haut als äußerer Abgrenzung -, dann feiner werdend unser Energie­körper, den wir noch gut wahrnehmen können, dann unsere alltäglichen Ge­fühle und Ge­danken.
Darüber hinaus gibt es noch feinere Ebenen, die durch die Yoga­übung allmählich freigelegt werden und die letztlich zu unserer wah­ren Es­senz vordringen. In Yoga sind das die ver­schiedenen Hüllen oder Koshas, sie umhüllen unser tiefstes, eigentliches, wahres Sein. (Annamayakosha – die Nahrungshülle, Pranamayakosha – der Energiekörper, Manomayakosha – die Hülle aus Ge­danken und Gefüh­len, Vijnanamaya­kosha – die Hülle der Intuition, der höheren Eingebung, Anandamaya­kosha – die Hülle der Glückseligkeit).
Eine Störung der Harmonie beginnt nicht am äußeren Ende, im Körper, sondern in der feinsten Energieform, und sie schlängelt sich ganz allmäh­lich, oft über einen sehr langen Zeit­raum von Jahren, sogar Jahrzehnten, nach außen bis zur äußeren Körper­hülle. Wollen wir eine Störung, die sich nun bereits im Körper als Krank­heit zeigt, beheben, müssen wir den Weg zu den feineren Energieebenen zurückverfolgen, wo das Ungleich­gewicht begonnen hat. Andernfalls kurieren wir nur die Symptome, nicht aber die Ursache.  Dieses Zurückver­folgen ist die ei­gentliche Yogaübung.
Yoga bedeutet Harmonie. Was wir jedoch in der Yogaübung anstreben, ist zuerst einmal die Trennung, die diffe­renzierte Wahrnehmung der verschie­denen Energieebenen.
Ein Gedanke z.B. ist materieller, also energetischer Na­tur, gehört in den Bereich von Prakriti und nicht zu Purusha, dem Prinzip des höchsten Bewusstseins. Gedanken, Gefühle und Körper dif­ferenziert voneinander wahrzuneh­men, ist also ein Tren­nungsakt, ein Auseinander­nehmen der verschiede­nen Energie­ebenen.
Wir müssen mehr über uns selbst wissen, über unseren Körper, unsere Angewohnheiten, Neigungen und Abwehrmechanismen, müssen also bewußter werden. Die sich im Körper zeigende Krankheit – vielleicht eine schwere Krankheit – ist womöglich nur eine leichte Unausgewogenheit auf den feineren Energieebenen. Da aber alles miteinander verwoben ist, alle Systeme des Körpers sowie Kör­per und Bewußtsein, wird sich die nicht gleich erkannte leichte Unaus­gewo­genheit auf alle Ebenen ausbrei­ten und verstärken.

* Zu 2.: Der Kosmos sowie der Mensch bauen sich aus verschiedenen Elementen auf.

In Samkhya und Ayurveda wird von 24 Elementen gesprochen, aus denen sich der Mensch und die Welt zu­sammen­setzen. Für mein Modell sind im be­sonderen die fünf Elemente, Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther von Bedeutung.
Die fünf Elemente bringen sich in all unseren Lebensabläufen zum Aus­druck, im Körperlichen, in unseren Gedanken und Gefühlen, in Verhal­tensweisen. Obwohl wir laut Yoga alle aus diesen fünf Elementen zusam­mengesetzt sind, sind wir doch alle irgendwie unterschiedlich, weil die Gewichtung der Elemente in jedem von uns etwas anders geartet ist. Un­ser ureigenes Grundmuster bringen wir bei der Ge­burt mit, und das wird als die individuelle Natur oder Prakriti be­zeichnet.
“Zu sich selbst zurückfinden” oder “seiner Natur entsprechend leben” ist das Wieder finden des Grundmusters. Bei dem einen ist das vielleicht eine Dominanz des feurigen Elements, bei anderen Wind/Luft oder Erde oder Wasser oder Äther. Die uns eigene Konstitution müssen wir herausfin­den, wenn wir gesund und glücklich leben wollen oder, um eine Stö­rung zu beseitigen. Es erfordert etwas Zeit und Übung, ist aber Vor­aussetzung, wenn wir aus yogischer Sicht eine Krankheit verstehen und beheben wollen.
Prakriti, die Urnatur, bringt sich so­wohl im Makrokosmos wie im Mikro­kosmos durch drei unterschiedliche Eigenschaften, den Gunas, zum Aus­druck: Tamas – die Trägheit, Rajas – Bewegung, Aufruhr, Agitation, Sattva – Ausgegli­chenheit, Reinheit und Klarheit.
Während die Gunas eher die Eigen­schaften des gesamten Entwicklungs­verlaufs zum Ausdruck bringen – der kristallenen Klarheit des Sattwischen, über Rajas, dem verzweifelten Ver­such, die Einheit herzustellen, bis zu völliger Verdichtung und damit totaler Umhüllung des Selbst des Tamasi­schen – spielen die Doshas mehr auf der Ebene der dichte­sten Hülle eine Rolle. Diese Hülle – Annamayakosha – ist jedoch mit allen anderen wie durch ein (unsichtbares) Netz verbunden.
Eng verbunden mit den oben genann­ten Gunas wird die menschliche Natur in drei Grundtypen eingeteilt, die in Sanskrit Vata, Pitta und Kapha ge­nannt werden. In Vata bringen sich die Elemente Luft und Raum zum Ausdruck, in Pitta sind es die Elemen­te Feuer und Wasser und in Kapha die Elemente Wasser und Erde. In jedem von uns sind alle drei Grundtypen vorhanden, mei­stens ist jedoch einer oder zwei stärker ausge­prägt. Krank­heiten treten dann auf, wenn eine Stö­rung in unserem eigenen Grundmuster der drei Doshas auftaucht. Dishar­monie entsteht, wenn eine schon vor­han­dene Dominanz durch die Le­bens­weise und durch Unwissenheit noch verstärkt wird.
Die Elemente Feuer/Wasser steuern als Pitta unseren gesamten Stoffwech­sel. Luft und Äther als Vata steuern alle Bewegungsabläufe. Was­ser und Erde als Kapha geben Form und Struktur.
Schon im Äußerlichen lassen sich Dominanzen feststellen, am Körper­bau, der Haut, den Haaren, den Au­gen, der Art der Bewegung. Menschen mit einer Vata-Konstitution haben viel vom Luftelement. Luft ist schnell, leicht, sie bewegt sich schnell und ist kühl. Vata-Menschen neigen dazu, kühl und trocken zu sein, trockene Haut, trockene Nägel, trockene Haare, trockene Organe. Sie sind kreativ, spontan und schnelle Denker. Nimmt ihr schon dominantes Vata-Dosha zu, werden sie nervös, machen sich dau­ernd Sorgen, fühlen sich unsicher, haben Schmerzen aller Art. Die mei­sten Menschen heutzutage haben ei­nen starken Überschuss im Vata-Dosha.
Kapha-Typen sind genau das Gegen­teil, denn die Elemente Wasser und Erde dominieren und ihre Eigenschaf­ten sind schwer, langsam, feucht und kalt. Menschen mit einer Kapha-Konstitu­tion sind in allen Bewe­gungen und ebenso den inneren Abläufen langsam und ruhig. Steigt Kapha zu stark an (das Wässrige, Schwere nimmt zu), entstehen Krank­heiten wie Bronchitis und Asthma, Krankheiten im oberen Brustraum, oder Lethargie und Träg­heit.
Pitta-Menschen sind feurige Typen, sie haben viel Hitze in ihrem System – Menschen, die gern mitten im Winter im kalten Wasser schwimmen. Eine Erhöhung von Pitta führt zu Erre­gung, Zorn, Leberproblemen, Magen­geschwüren, allen Arten von Entzün­dungen, die Ausdruck von Hitze sind.
Vata, Pitta und Kapha haben in jedem von uns bestimmte Funktionen. Sie sind allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt.
Dies ist eine sehr vereinfachte Zeich­nung der drei Grund-Konstitutionen, die in Ayurveda eine Rolle spielen. Lernen wir, mit diesem Muster umzu­gehen, können wir verhindern, dass Krankheiten auftauchen. Wenn sie bereits da sind, können wir mit Feinfühligkeit, Geduld und Ausdauer die verloren gegangene Harmonie wie­derherstellen.

* Zu 3.: Gleiches wird durch Gleiches verstärkt.

Durch dieses Wissen erhalten wir die Möglichkeit, regulierend einzugreifen. Dazu müs­sen wir aufmerksam wer­den für Glei­ches und Gegensätzli­ches. Indem wir etwas mit dem Glei­chen verstärken oder mit dem Gegen­sätzlichen ab­schwächen, können wir gestörte Har­monie wiederherstellen.
Um die Doshas im Gleichgewicht zu halten, muss jeder sein Leben so leben, dass es mit seiner Natur im Einklang ist.
Ein Vata-Mensch z.B. sollte sich nicht im Übermaß starkem Wind aussetzen, denn Gleiches wird durch Gleiches verstärkt und die Eigenschaften von Vata sind dem Wind entsprechend, nämlich trocken, kalt, rau, schnell und leicht.
Ein Kapha-Typ mit den Eigenschaften kalt, feucht, schwer und süß, sollte vermeiden, diese Dominanz durch seinen Lebensstil noch zu verstärken, z.B. durch kalte Speisen und Geträn­ke, Milchprodukte, Kuchen und Süßigkeiten. Sie regen dieses Dosha an, vermehren die Schleimbildung, führen zu schneller Gewichtszunah­me, Trägheit und Schwere.
Ein heißer Pitta-Typ sollte nicht stun­denlang in der Sonne liegen oder re­gelmäßig scharf gewürzte Nahrung zu sich nehmen.
Wenn wir uns unserer Natur bewusst sind, können wir selber steuern. Sind wir gesund, greifen wir meist nach genau dem Richtigen. Ist jedoch eine Stö­rung da, greifen wir meist genau nach dem Falschen.

* Zu 4.: Nahrung ist Medizin und Medizin ist Nahrung.

Wir müssen lernen, das, was wir auf­nehmen, auch zu verdauen. Verdau­ung ist hier nicht nur auf Nahrung bezogen. Als Mikrokosmos in Verbin­dung mit dem Makrokosmos nehmen wir nicht nur Nahrung auf, sondern auch Luft und Wasser, Beziehungen und Gefühle, Intellektuelles und psychische Schwingungen und auch spirituelle Dinge. Wir können viel in uns hineinlassen, können wir es aber auch wirklich aufnehmen und verdau­en? Das ist eine Schlüsselfrage. Wie viel geht zwar hinein, aber führt dann zu Verstop­fung. Nicht nur Nahrung führt zu Verstopfung, auch Gefühle, auch gedankliche Abläufe. Ideen bleiben hängen und lassen keinen Raum für neue Ideen. Festkleben an Menschen und Dingen blockiert einen freien Fluss. Verdauung des Lebens ist der Schlüssel. Wenn etwas gut verdaut ist, wurde es vorher vollkommen aufge­nommen. Alles Unverdaute ist ein Hindernis und führt zu Krankheit auf körperlicher, mentaler oder psychischer Ebene. Jede Art der Nah­rung ist also auch gleichzeitig Medi­zin, Medizin, die für jeden von uns eine unterschiedliche Wirkung hat.

* Zu 5.: Alles, was den Körper be­rührt, berührt auch das Bewußtsein mit Gedanken und Gefühlen und umgekehrt.

Jeder Gedanke, den wir denken, jedes Gefühl, jedes angenehme Erlebnis, jede Enttäuschung, jede Stress-Situation, alles hat im gleichen Maße eine Auswirkung auf den Körper. Und alles, was wir unserem Körper zufü­gen, hat eine Auswirkung auf unseren Geistesszustand. Da der Körper die dichteste Form der Energieumwand­lung ist, die sichtbare Materie, der Anfang einer Störung jedoch auf der feinsten Stufe beginnt, werden die meisten Störungen als psychoso­ma­tische Störungen betrachtet. Der Weg, die Störung zu entfernen, geht also weit über das rein Körperliche hinaus.

Das ist das Grundmodell, aus dem heraus wir nun jede x-beliebige Rich­tung einschlagen können. Jede Krankheit und Störung können wir vor diesem Hintergrund genau be­trachten und selbstregulierend eingrei­fen.

Yogis haben uns eine Vielzahl von Übungen an die Hand gegeben, Vorschläge, Yoga in unser Alltagsleben zu integrieren. Es geht dabei nicht nur um 20, 30 oder 60 Minuten am Morgen, sondern der ganze Lebensrhythmus kann von Yoga durchzogen sein. Dazu gehören:

  • Asanas
  • Pranayamas
  • Luft und Bewegung
  • die richtige Nahrung mit der richtigen Einstellung zu sich genommen
  • Reinigungen entsprechend der Konstitution
  • Ruhe und Erholungspausen
  • Entspannung
  • Meditation

Asanas dienen dazu, unsere äußere Hülle wieder durchlässiger zu machen und Staus aufzulösen.Durch Pranayama verbessern wir unsere Atmung und können den Gedankenstrom zur Ruhe bringen. Yoga Nidra verhilft zu einer tiefgreifenden Entspannung auf allen Ebenen.Die Reinigungsübungen sind besonders wichtig, um zu viel Schleim aus dem Körper zu lösen und zu entfernen, und die inneren Räume von allem Ballast frei zu machen. Durch Meditation dringen wir zum feinstofflichen Körper vor, um in Ruhe, Stille und Harmonie zu kommen. Nur in dieser Ruhe können wir auch an Ursachen herankommen, die eine Krankheit ausgelöst haben, z.B. an traumatische Erlebnisse aus der Kindheit.

Die Ernährung sollte möglichst naturnah und frisch sein. Denaturierte Nahrung ist der Natur entfremdet und uns generell nicht zuträglich. Eine große Bedeutung haben Gewürze, die nach yogischer Vorstellung und in der Ayurveda-Küche weniger ein Gaumenreiz sind, als mehr Verdauungshilfen und Medizin.
Auch Düfte, Klänge und Farben haben große Kraft. Sie können Wohlbefin­den hervorrufen und Disharmonie ausgleichen, aber auch genauso Dissonanz auslösen.
Um Vata, Pitta und Kapha im Gleichgewicht zu halten, sollten wir über ihre Eigenschaften und Geschmacksrichtungen Bescheid wissen und unsere Konstitution kennen.
Mit dem Wissen über die Doshas können wir die verschiedenen Yogaübungen individuell einsetzen. Die folgenden Beispiele können nur Anregung sein:

Ist Vata zu stark, kann Yoga Nidra beruhigen. Auch die Pawanmuktasanas reduzieren Vata (Pawan = Wind, Mukta = befreien). Warm, schwer, ölig, süß, salzig – das sind die gegensätzlichen Eigenschaften von Vata, die zu einer Reduzierung von Vata führen. Ein warmes Getränk oder Suppe, beruhigende Musik, ein geregelter Tageslauf – das könnte u.a. eine Vata-Überstei­gerung ausgleichen.
Überhöhtes Pitta kann durch Laghu Shankhaprakshalana, eine kalte Du­sche und entsprechende Ernährung reduziert werden. Scharf gewürzte Speisen und Getränke, hitzige Dis­kussionen, Sonnenbäder, Sauna – das alles würde das Gegenteil bewirken, also Pitta ansteigen lassen.
Gerät Kapha aus den Fugen, ist Kunjal-Kriya eine große Hilfe, auch Surya Namaskara und anregende Pranayamas wie Bhastrika Pranaya­ma, um aus Trägheit und Lethargie herauszukommen. Hier ist scharf gewürztes Essen genau richtig und ein Gang in die Sauna ebenfalls, weil Kapha durch das Ansteigen von Pitta reduziert wird.
Meditation ist eine der wichtigsten Hilfen, um ein ausgeglichenes und harmonisches Leben zu führen und auch, um eine gesundheitliche Störung zu beheben. Sie sollte jeden Tag abschließen.
Wie Vata, Pitta und Kapha jeweils angeregt oder aber gedämpft werden können, zeigt die folgende Tabelle. Es lässt sich daraus ersehen, wie kleine Dinge eine große Wirkung haben können, immer in positive wie in negative Richtung. Es zeigt uns auch, dass etwas, was für den einen heilende Medizin ist, für den anderen tödliches Gift sein kann.
Agni – das Feuer – ist für unser Wohl­befinden lebensnotwendig. Ein Feuer kann gut brennen, es kann zu schwach sein und schwelen oder durch falsches Brennmaterial und Feuchtigkeit rauchen und qualmen. Je nachdem, wie wir unser Lebensfeuer – Agni – schüren, ist unser Leben durchdrungen von einer klaren Richtung, ist voller Vitalität und frei von Krankheit, oder aber wir leben ein Leben ohne Kraft, ohne Energie, ohne Ausdauer, ohne Ausstrahlung, ohne Feuer.
Wir selbst sind für unser Leben verantwortlich, niemand kann uns das abnehmen. Gesundheit und Freude sind unser Geburtsrecht.

Vata-reduzierend: salzig, süß, sauer, schwer, ölig, heiß
Pitta-reduzierend: bitter, süß, herb, kalt, schwer, trocken
Kapha-reduzierend: scharf, bitter, herb leicht, trocken, heiß
Vata-vermehrend: scharf, bitter, herb leicht, trocken, kalt
Pitta-vermehrend: sauer, salzig, scharf heiß, leicht, ölig
Kapha-vermehrend: süß, sauer, salzig schwer, ölig, kalt

Hatha Yoga

(Swami Satyananda, Quelle: www.satyananda-yoga.de)

Hatha Yoga gewidmet, dieser so oft missverstandenen Yogaform, die von Yogi Swatmarama in der Hatha Yoga Pradipika niedergeschrieben wurde. Auch dieser Yoga war einstmals eine geheime Lehre, die dem Jünger vom Guru direkt vermittelt wurde. Die meisten der Hatha Yoga Praktiken sind hier im Westen auch heute noch völlig unbekannt. Dort, wo Asanas gemacht werden, spricht man fälschlicherweise von Hatha Yoga und verbindet die Vorstellung von Körperakrobatik, von Schön- und Schlankwerden, vom Heilen körperlicher Leiden. Das alles mögen Beiprodukte dieser Yogaform sein, der tiefere Sinn war und ist jedoch immer gewesen, den spirituell Suchenden so vorzubereiten, dass er den königlichen Yogapfad, Raja Yoga, betreten kann.
Dieses Werk ist sehr umfassend und enthält äußerst praktische Ratschläge für den Yogaschüler, die jeden Aspekt unseres Lebens einbeziehen, z.B. wie und wo man schlafen soll, welches die beste Nahrung ist, wie man die sexuelle Kraft erhalten kann u.a. Die Hatha Yoga Pradipka ist im Original mit Kommentaren von Swami Muktibodhananda unter der Anleitung ihres Gurus Swami Satyananda in der Bihar School of Yoga erschienen.
Wir werden in diesem Heft die einleitende Rede von Swami Satyananda veröffentlichen. Dieses äußerst empfehlenswerte Werk ist im Satyananda Yoga Zentrum e.V. Ananda Verlag Köln erhältlich.

Swamiji spricht über Hatha Yoga

In der yogischen Literatur existieren einige zuverlässige Texte über Hatha Yoga. Die Hatha Yoga Pradipika von Yogi Swatmarama ist sehr bekannt. Außerdem gibt es die Goraksha Samhita von Yogi Gorakhnath und die Gherand Samhita von dem großen Weisen Gherand. All diese Schriften entstanden zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert n.Ch.

Es gibt auch Hinweise auf Hatha Yoga in den Upanishaden und den Puranas, die vor der Buddhistischen Periode im 6. Jahrhundert v.Ch. entstanden sind und darauf deuten lassen, dass die Wissenschaft von Hatha Yoga noch viel weiter zurückreicht.

In Amerikas vorkolumbianischer Kultur muss es ebenfalls das Wissen über Hatha Yoga gegeben haben; große Steinfiguren und Skulpturen in St. Augustin deuten darauf hin. Die systematische Form von Hatha Yoga hat jedoch im Indien des 6. Jahrhunderts n.Ch. ihren Ursprung.

Dies soll nur einen Einblick in den historischen Aspekt von Hatha Yoga geben. Viele Jahrhunderte hindurch sind diese Bücher ein Führer für spirituelle Anwärter gewesen. In Indien, Nepal und Tibet wurden viele Sekten auf der Basis von Hatha Yoga begründet. Was ist das Thema dieser Bücher? Wollte man einen jugendlichen Körper erhalten oder magische Kräfte (Siddhis) erlangen oder die Kundalinikraft erwecken oder das höchste Bewusstsein (Samadhi) erlangen? Durch Analyse wird uns das klar werden.

In alten Zeiten machte man Hatha Yoga zur Vorbereitung auf ein höheres Bewusstsein. Heute ist dieses Ziel in Vergessenheit geraten; die von den Weisen und Heiligen entwickelten Übungen, die die Evolution des Menschen vorantreiben sollten, werden heute nicht in diesem Sinne geübt und verstanden. Sehr oft hört man Worte wie: ‘Oh, ich meditiere nicht, ich mache nur Körper-Yoga, Hatha Yoga.’ Diese Anschauung möchte ich korrigieren, denn Hatha Yoga ist für den heutigen Menschen eine sehr wertvolle Wissenschaft.

Das Entstehen von Hatha Yoga
Im sechsten Jahrhundert n.Ch. lebte Indien schon viele Jahrhunderte lang in spiritueller Blüte. Im 6. Jahrhundert vor Ch. lebten in Indien zwei große Männer: Buddha und Mahavir, der Begründer der Jain-Sekte. Sie lebten in strenger Einfachheit und predigten beide die Gewaltlosigkeit, ‘Ahimsa’.

Schließlich fasste Buddha seine Lehren in den ‘Vier edlen Wahrheiten’ zusammen, und die beiden Wege ‘Vipassana’ und ‘Anapanasati’ sind heute überall auf der Welt bekannt. Die Basis hierfür war der ‘Achtstufige Pfad’, ähnlich den ethischen Regeln des ‘Yama’ und ‘Niyama’ im Raja Yoga.

Buddha war so populär, dass Meditation die entscheidende spirituelle Übung auf dem ganzen Subkontinent wurde. Die vorbereitenden Übungen wurden jedoch ignoriert; Ethik und Moral wurden überbewertet. Indiens Denker und Philosophen begannen damit, das buddhistische System zu überholen, denn, obwohl Meditation für sie der höchste Weg ist, glauben sie doch nicht, dass man sofort damit beginnen kann – man muss sich erst vorbereiten.

Fünfhundert Jahre nach Buddha und hundert Jahre vor Christus entstand in Nalanda in Bihar eine große Universität in der Buddhistischen Tradition. Hier wurde das Hinayana System gelehrt, was so viel bedeutet wie ‘der enge Pfad’, also der orthodoxe Buddhismus. Tausende von Studenten aus der ganzen Welt studierten hier Religion.

Es gab jedoch eine andere Richtung unter den Buddhisten, Menschen, die mit der orthodoxen Interpretation der Lehren nicht einverstanden waren. Sie glaubten nicht daran, dass Buddha seine Lehren so gepredigt hat. Sie gründeten eine andere Universität, Vikram Shila, etwa achtzig Meilen östlich von Munger in Bihar, und an dieser Universität wurde die Mahayana Tradition gelehrt. ‘Mahayana’ bedeutet ‘Der große Pfad’, sie waren liberal und offen. In diese Lehre floss auch Tantra mit hinein, worüber Buddha nicht direkt gesprochen hat und daher von den orthodoxen Buddhisten abgelehnt wurde. In Vikram Shila wurden die sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Frau mit einbezogen. (In Indien sind die Menschen davon überzeugt, dass Jesus an diesen bedeutenden Universitäten gelernt und gelehrt und lange Zeit in Indien gelebt hat. Anm. d. Übers.)

Nach ungefähr fünfhundert Jahren ließen Popularität und Einfluss des Buddhismus nach, und damit erloschen auch die tantrischen Sekten und ihre Übungen. Als die buddhistische Dekadenz in Indien im 4., 5., 6. Jahrhundert allmählich  überwunden war, begannen einige große Yogis damit, diese Wissenschaft wieder hervorzuholen und das tantrische System zu reinigen. Matsyendranath, Gorakhnath und andere Yogis glaubten, dass diese wichtige Wissenschaft von einigen ignoriert, von anderen falsch gelehrt war, und so trennten sie ‘Hatha Yoga’ und ‘Raja Yoga’ aus dem Tantrasystem von dem Übrigen, d.h. tantrische Rituale ließen sie ganz heraus, erwähnten sie  nicht einmal mehr. Sie wählten nützliche, praktische und edle Yoga-Übungen aus dem tantrischen System heraus.

Obwohl Buddha eine herausragende Persönlichkeit war, verblieb aus seinen Lehren nicht viel mehr als psychologische Erfahrungen, und so wurde es notwendig, die Meditation wieder systematisch einzuführen. So entstand Hatha Yoga. Matsyendranath gründete den Nath Kult, indem gelehrt wurde, dass man zuerst den Körper und seine Elemente reinigen muss, bevor man zur Meditation fortschreiten kann. Und das ist das Thema von Hatha Yoga.

Reinigung als Wissenschaft
Yogi Swatmarama ist die herausragende Persönlichkeit, er hat die ‘Hatha Yoga Pradipika’ verfasst. Es wurde mit ‘Licht auf Yoga’ übersetzt, wenngleich Pradipika eher Selbsterleuchtung bedeutet. In diesem Text wird eine Vielzahl von physischen, mentalen und spirituellen Problemen des Schülers beleuchtet. Der bedeutendste Jünger von Matsyendranath war Gorakhnath, er hat schon früher Bücher in seinem Dialekt über Hatha Yoga geschrieben. Swatmarama verfasste jedoch das gesamte Wissen über Hatha Yoga in Sanskrit. Er erklärt hier Asana, Pranayama und Shatkarma.

Die Schönheit der ‘Hatha Yoga Pradipika’ liegt darin, dass ein großes Problem eines jeden Suchenden gelöst wird: Swatmarama hat die Teile Yama (Moralkodex) und Niyama (Selbstbeschränkung) gänzlich herausgelassen; im Buddhismus und Jainismus und in Patanjali’s Raja Yoga (und auch im Christentum, Anm.d.Übers.) ist dies der Anfang.

Patanjali war ein Zeitgenosse von Buddha, daher der Einfluss von Yama und Niyama aus der Buddhistischen Philosophie. Die ‘Yoga Sutras’ sind in acht Stufen unterteilt: Yama und Niyama, Asana und Pranayama, dann Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Er geht davon aus, dass man erst Yama und Niyama beherrschen muss, weil Asanas und Pranayamas sonst ohne Nutzen bleiben.

Was ist nun Yama und Niyama? Selbstkontrolle und – beobachtung; Wahrheit, Gewaltlosigkeit, Enthaltsamkeit, Nichtstehlen, Nicht-Anhäufen, äußere und innere Reinheit, Zufriedenheit u.a. (ähnlich den 10 Geboten, Anm.d.Übers.). Die Autoren der Hatha Yoga Schriften waren sich jedoch darüber bewusst, dass die Menschen mit Yama und Niyama große Schwierigkeiten hatten. Es sind wohl mehr religiöse Tugenden und spielen eine nicht so große Rolle im spirituellen Leben eines Menschen.

Die Erfahrung zeigte, dass Yama und Niyama (Disziplin und Selbstkontrolle) eine bestimmte Qualität des Geistes, des Bewusstseins voraussetzen. Wir können selber beobachten, wie wir durch Selbstkontrolle und Disziplin oft eine ganze Reihe Probleme im Bewusstsein und der Persönlichkeit schaffen. Statistiken zeigen, dass die meisten Patienten in der Psychiatrie religiös sind; Selbstdisziplin und Selbstkontrolle spalten die Persönlichkeit. Du musst dich also erst gut darauf vorbereiten.

Solange deine Persönlichkeit nicht harmonisch ist, werden diese Übungen eher Konflikte als inneren Frieden schaffen, und deshalb sollten sie nicht gelehrt werden. In der Philosophie und der Religion muss man sich damit auseinandersetzen, aber vom spirituellen Gesichtspunkt aus haben sie immer erbarmungslos versagt, dem Menschen dabei zu helfen, wenn er mit dem Dilemma seiner eigenen Evolution konfrontiert wird.

Die Betonung liegt auf den Shatkarmas
Es fällt sofort ins Auge, dass sich Swatmarama in der ‘Hatha Yoga Pradipika’ um Yama und Niyama nicht kümmert. Der Schwerpunkt ist ein anderer: zuerst sollst du deinen Körper reinigen – den Magen, die Därme, das Nervensystem und die anderen Systeme. Zuerst also Shatkarmas mit Neti, Dhauti, Basti, Kapalbhati, Trataka und Nauli. Hiermit beginnt Hatha Yoga.

Natürlich ist das allein nicht Hatha Yoga; hiernach kommen Asanas und Pranayamas. Selbstkontrolle und Selbstdisziplin sollte mit dem Körper beginnen. Sitze fünfzehn Minuten in Padmasana (dem Lotussitz), das ist Selbstdisziplin. Warum zuerst mit dem Geist kämpfen? Du hast keine Kraft, mit dem Geist zu ringen, trotzdem tust du es und erzeugst so eine Feindseligkeit gegen  dich selbst.

Ein Teil des Geistes kämpft gegen die Disziplin, und der andere will sie aufrechterhalten. Es sind nicht zwei, sondern ein Geist, der sich in zwei Teile spaltet. Diese Spaltung findest du bei allen Menschen, und wenn sie zunimmt, dann nennen wir es Schizophrenie.

Die Hatha Yoga Meister erkannten diese Gefahr, und so begannen sie mit Disziplin für den Körper. Sie erklären genau, was sie mit dem Körper meinen: Die feinstofflichen Elemente (Tattwas) und die Energieleitungen (Nadis) im Körper müssen gereinigt werden; die vitalen Lebenskräfte (Prana), das ganze Nervensystem und die verschiedenen Sekrete des Körpers müssen richtig erhalten und harmonisiert werden.

Danach kommen die Mudras wie Vajroli, Sahajoli, Khechari, Shambavi, Vipareet Karani u.a. Auf diese Weise wird sich tiefe Meditation entwickeln. Durch diese Übungen entsteht Pratyahara, und das führt zu Dharana, Dhyana und Samadhi.

Das Ziel von Hatha Yoga
Um den Geist zu reinigen, muss der gesamte Körper einen Reinigungsprozess durchlaufen. Man kennt Hatha Yoga auch als die Wissenschaft der Reinigung, die nicht nur eine, sondern sechs Reinigungsformen beinhaltet. Sechs unterschiedliche Unreinheiten werden in sechsfacher Form gereinigt. Dann erst  können die Nadis richtig funktionieren und die Energieblockaden lösen sich auf, so dass die Energien wie Wellenfrequenzen durch die Leitungen der Körperstruktur fließen können und bis hinauf zum Hirn gelangen.

Hatha Yoga betrachten wir deshalb als vorbereitende Übung für Tantra, Raja Yoga, Kundalini Yoga und Kriya Yoga. Die großen Meister der Vergangenheit betrachteten Hatha Yoga nicht als Therapie. Selbst wenn Yoga sehr effektiv in der Behandlung vieler unheilbarer Krankheiten ist, so ist der therapeutische Effekt von Yoga mehr zufällig und Nebensache.

Das Entscheidende in Hatha Yoga ist das absolute Gleichgewicht der ineinander greifenden Aktivitäten und Körperabläufe, des Geistes und der Energie. Erst wenn dieses Gleichgewicht hergestellt ist, werden Impulse erzeugt, die die zentrale Kraft (Sushumna Nadi), die für die menschliche Evolution verantwortlich ist, erweckt. Wenn Hatha Yoga nicht mit diesem Ziel verfolgt wird, dann ist seine wahre Bedeutung verloren.

Das Zusammenspiel der inneren Energie
Der Name Hatha entstand, um dieses Ziel deutlich zu machen; ‘Ha’ und ‘Tha’ Yoga, eine Kombination zweier Bija Mantras. ‘Tha’ ist Ausdruck für Prana, die vitale Lebenskraft, und ‘Ha’ symbolisiert den Geist, die mentale Energie. Hatha Yoga bedeutet demnach Harmonisierung der pranischen und der mentalen Kräfte, was zu einem höheren Bewusstsein führt.

Die Lebenskraft Prana Shakti und die Mentalkraft Manas Shakti sind die beiden Erzeuger. Jedes Objekt im Universum, vom kleinsten Atom bis zum größten Stern besteht aus diesen beiden Shaktis, diesen polaren Energien. Wenn diese beiden Shaktis sich miteinander verbinden, entsteht Schöpfung.

Wenn sie voneinander getrennt werden, oder wenn sie sich zum Ursprung hin auflösen, dann löst sich die Schöpfung auf. Auch in der Physik ist man sich dieser Tatsache bewusst.

Materie in dieser Schöpfung lebt. Das ist Punkt eins. Und sie hat Bewusstsein. Das ist Punkt zwei. In Yoga bezeichnet man Leben und Bewusstsein als Prakriti und Purusha; in Tantra sind es Shakti und Shiva; in Hatha Yoga sind die Namen Ida und Pingala und im Taoismus yin und yang. In der modernen Physik ist es Materie und Energie. Zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Philosophien gab man ihnen verschiedene Namen. Dieser physische Körper, wie wir ihn sehen können, ist die grobe Wahrnehmung. Wenn du ihn mit psychischen Augen oder mit einer spezialisierten, hoch entwickelten elektronischen Ausrüstung betrachtest, wird deutlich, dass er ein feinstoffliches Gegenstück hat.

Was geschieht innen, wenn du beginnst zu denken? Wenn du noch nie danach gefragt hast, dann tue es bitte jetzt. Was ist ein Gedanke? Was geschieht in uns, wenn ein Gedanke auftaucht und sich wieder auflöst, und wenn er von einem anderen Gedanken abgelöst wird, oder wenn Gedanken sich gegenseitig abschneiden? Das ist das Zusammenspiel von Shakti.

Harmonie zwischen den positiven und negativen Kräften
Das Konzept von Hatha Yoga ist es, die zweifachen Shaktis oder Energien im Menschen, die normalerweise in unharmonischer Form existieren, zu harmonisieren. Eine der beiden Kräfte ist meistens dominant, und durch dieses Ungleichgewicht entsteht entweder körperliche oder mentale Krankheit. Wenn die Mentalkraft zu stark wird, neigen die Menschen zu Geisteskrankheiten. Menschen, in denen die Vitalkraft dominiert, werden leicht zornig, sind streitsüchtig, verursachen Kriege, zeigen alle Anzeichen von gewalttätigem Verhalten.

Hatha Yoga ist der Weg, diese beiden großen Kräfte Ida und Pingala zu harmonisieren. Das geschieht zuerst durch die Reinigung des ganzen Körpers, der Körpermechanismen. Niemals sollten wir vergessen, dass Körper, Seele und Geist nicht drei Teile sind, sondern ein und dasselbe. Auf einer bestimmten Existenzebene siehst du nur den Körper, auf einer anderen nimmst du den Geist wahr. Der Körper und der Geist sind nicht voneinander getrennt, sie sind eins.

Transzendenz durch Training
Die Ursubstanz des Körpers ist göttlich. Durch Yogaübungen beginnt im Körper ein Prozess der Transmutation der physischen Elemente in nicht-physische Elemente. Materie lässt sich in Energie verwandeln und umgekehrt. Das ist das Grundkonzept. Und so verstanden lässt sich der Körper in Spirit und Spirit in Materie verwandeln. Man nennt es das ewige Spiel von Maya (die Kraft der Illusion) und Schöpfung, und dieses Spiel besteht seit ewigen Zeiten. Es gibt also keinen Grund zu glauben, dass dieser Körper unrein ist und man daher nicht meditieren kann. Das ist eine sehr unwissenschaftliche Denkungsart.

In der Geschichte gibt es Beispiele von großen Heiligen, die zu dem Zeitpunkt, wo sie ihre weltliche Existenz verlassen wollten, ihren Körper in Lichtteilchen transmutiert haben, die sich dann vollkommen auflösten. Von ihrem groben Körper blieb nichts übrig. Dieser Körper besteht nicht nur aus Fleisch und Knochen, Mark und Sekreten, nein er ist die grobe Manifestation der sehr feinen Shakti, die in Prana und Manas Shakti polarisiert ist.

In Hatha Yoga kümmern wir uns zuerst um diesen Körper und reinigen ihn in sechsfacher Form. Entscheidend ist, dass die Nadis für die Meditation gereinigt werden. Unser Körper funktioniert sehr einfach: Genau wie eine Maschine produziert er Abfallstoffe, und zwar dreierlei – Schleim, Gas und Säure. Wenn wir den Körper von Zeit zu Zeit innerlich reinigen, kann der Überschuss dieser drei Stoffwechselprodukte entfernt werden, so dass das ganze Gebilde sich reguliert und ausgleicht. Auf diese Weise erhalten wir uns die vollkommene Gesundheit.

Aus diesem Grunde sind die Shatkarmas von so großer Bedeutung. Es ist ein so wichtiger Aspekt in Hatha Yoga und in der Therapie, dass der Körper von den drei Typen des Ungleichgewichts gereinigt wird. Jeder Teil des Körpers wird auf diese Weise trainiert: Die Nase, das Herz, der Atem, der Kreislauf usw. Der Körper muss zum Beispiel von jeder Unruhe im Herzen befreit werden, und das verlangt als Meditationsvorbereitung eine Veränderung in den unbewussten Reaktionen des Herzens. Es kann sonst geschehen, dass du dich in guter Meditation konzentrierst und plötzlich verändert sich das Herzverhalten. Dein ganzer Körper wird darunter zu leiden haben.

Auch das Nervensystem erfordert Training, denn es trägt Impulse durch die sinnlichen und die motorischen Nervenkanäle. Alle Blockierungen müssen entfernt werden, damit die Energie frei durch den ganzen Körper fließen kann. Wenn das nicht der Fall ist, wird deine Meditation unangenehm gestört.

Menschen, die solche Erfahrungen haben, wenden sich entsetzt von der Meditation ab, von der sie Schönes und Angenehmes erwarten und nicht schreckliche Horrorbilder. Ja, wenn vorher die korrekte Reinigung stattgefunden hat, dann ist die Meditation reine Seligkeit, innen und außen.

Wieder andere Menschen behaupten: ‘Oh, ich bin sehr spirituell, ich mache mir nichts aus dem Körper; Hatha Yoga macht dich nur körperbewusst.’ Das ist Unsinn; auch wenn du sehr spirituell bist, wird sich dein Körper in dem Moment, wo du dich zur Meditation hinsetzt, massiv bemerkbar machen. Vielleicht musst du sogar einen Arzt aufsuchen, weil du ihn nicht unter Kontrolle bringen kannst. Die Transzendierung des Körpers bedeutet nicht, ihn einfach zu vergessen, sondern du musst ihn reinigen. Deshalb sind die sechs Kriyas von Hatha Yoga (Neti, Dhauti, Basti, Nauli, Kapalbhati, Trataka) für den spirituellen Aspiranten so wichtig.

Die Konzentration hängt von der Reinigung ab
Durch diese Grundformen von Hatha Yoga werden die Energiemuster gereinigt und bringen sie in ein Gleichgewicht. Erst, wenn diese Muster unter deiner Kontrolle sind, kannst du dich auf einen Punkt konzentrieren. Andernfalls geschieht folgendes: Du willst dich auf einen Kreis konzentrieren, aber der Kreis verändert dauernd seine Form, bis er ganz auseinander bricht. Diese wichtige Übung ist dir unmöglich, weil es die Natur der Pranas ist, in Bewegung zu sein, und das ist auch das Charakteristische des Geistes.

Prana wird niemals bewegungslos sein; immer ist es in Bewegung, und der Geist verändert sich ebenfalls. Du glaubst gar nicht, wie schwer es ist, diese beiden höchst beweglichen Energien in einen ruhigen Zustand zu bringen. Konzentration ist wirklich sehr schwer. Mag sein, dass du dich selbst vollkommen vergessen kannst, mag sein, dass du wunderbare Visionen hast, aber das ist nicht Konzentration. Konzentration ist ununterbrochene Wahrnehmung eines Punktes, einer Linie in der Entfernung, die sich nicht dreht und wendet oder auseinander fällt. Eine Idee, immer die gleiche Idee, keine andere, kein anderer Gedanke. Das ist Konzentration und sollte ohne Anstrengung erfolgen.

Metamorphose vom Grobstofflichen zum Feinstofflichen
Die beiden Kräfte Geistes und Prana erhalten den Lebensrhythmus und das Bewusstsein. Wir befinden uns jetzt auf einer bestimmten Evolutionsstufe, aber die Menschheit muss sich weiter entwickeln. Wenn die Zivilisation sich nicht entlang der Evolutionslinie aufbaut, dann ist der Mensch Katastrophen, Tod und Zerstörung ausgesetzt. Die Evolution können wir nicht umgehen.

Alles im Universum entwickelt sich, selbst die Steine. Wenn diese Metamorphose überall in der Schöpfung auftritt, dann gilt das auch für das menschliche Bewusstsein. Diese Transformation ist keine Philosophie und kein Glaube, sondern wissenschaftlicher Tatbestand. Erst durch die Evolution entsteht eine Bedeutung im Leben. Unser ganzer Körper ist ununterbrochen dem Prozess der Veränderung ausgesetzt und beeinflusst jedes Molekül der materiellen Substanz.

Heute erkennen die Menschen, dass Materie letztendlich Energie ist. Das zwingt uns, neu zu überdenken, was der Körper ist und wieweit eine Transformation Auswirkungen hat. Können wir den Körper in reines Licht verwandeln? Wir sollten wissenschaftlich darüber nachdenken, nicht aufgrund unseres Glaubens, den wir bisher hatten (oder nicht hatten).

Wenn eine Metamorphose im Körper stattfinden kann, dann geschieht das durch Yoga. Er kann zum Feinstofflichen hin in einen yogischen Körper verwandelt werden, der weder Alter noch Krankheit ausgesetzt ist.

Hatha Yoga bringt die Transformation des physischen Körpers mit seinen pranischen und mentalen Kräften in Gang. Bevor nicht die physischen Moleküle transformiert sind, brauchen wir nicht von Mitleid, von Einheit und Liebe zu sprechen.

Wir haben die Möglichkeit einer großen Veränderung. Wenn Materie in seiner wahren Form Energie ist, dann kann dieser Körper durch die systematische Übung der sechs Hatha Yoga Reinigungstechniken in Energie transformiert werden. Hinzu kommen dann Asanas und Pranayamas.

Yoga bedeutet die Einheit von Geist und Körper
Einen wichtigen Punkt haben die Kommentatoren ausgelassen, dass nämlich Hatha Yoga nicht nur die Einheit zwischen Prana und Geist ist, sondern ebenso des Selbst. Im Rückenmark befinden sich drei wichtige Nadis: Ida, Pingala und Sushumna. Ida ist die negative Kraft, der Bewusstseinsfluss; Pingala symbolisiert die die positive Kraft, den Fluss der Vitalenergie; und Sushumna Nadi symbolisiert die neutrale Kraft, den Fluss der spirituellen Energie.

Die Verbindung zwischen diesen drei Flüssen vollzieht sich im Ajna Chakra (hinter dem Augenbrauenzentrum). Das Ziel ist das Zusammenführen dieser drei Nadis, was zum Erwachen des Mooladhara Chakras am Beckenboden führt. Hier befindet sich die Urenergie, Kundalini Shakti. Dieser Prozess wird durch Hatha Yoga in Gang gebracht, und Kundalini kann zu höheren Bewusstseinsstufen bis hin zum Sahasrara Chakra aufsteigen.

Wenn dies geschieht, dann ist das Yoga, nicht Hatha Yoga. Hier liegt der Unterschied zwischen Yoga und Hatha Yoga. Yoga bedeutet Vereinigung von Shiva (höchstem Bewusstsein) und Shakti Energie).

Kundalini bewegt sich durch Sushumna nach oben, nicht durch Ida oder Pingala, und zwar durch alle Chakras hindurch, manchmal durch alle gleichzeitig und sehr schnell, manchmal sehr langsam. Wenn sie im Ajna Chakra mit Ida und Pingala zusammentrifft, dann ist das Hatha Yoga. Nach dieser ersten Vereinigung steigt sie weiter hinauf zum Sahasrara Chakra, wo sie sich mit Shiva, dem höchsten Bewusstsein, verbindet, und das ist Yoga. Das letztendliche Ziel von Hatha Yoga ist demnach, Yoga zu erfahren.

Die potentielle Energie aus dem Schlafe rütteln!
Das Erwachen von Kundalini ist ein Faktum, aber wichtiger ist das Erwecken von Sushumna; und noch wichtiger ist das Erwecken der Chakras. Die Menschen sind in diesem Punkt sehr unverständig. Zuerst müssen uns die Chakras bewusst werden, denn es sind wichtige Verbindungsstellen. Sie sind die Transformatoren, die die Energie in 72ooo verschiedene Kreisläufe verteilt. Wenn sie nicht richtig funktionieren, dann kann die Energie durch die Hindernisse nicht hindurchfließen. Wenn die Anschlussstelle in deinem Haus fehlerhaft ist, dann wirst du keine Elektrizität haben. In dem ganzen Haus wird es sehr viele Kreisläufe geben, nicht nur einen; wenn aber die Hauptverbindung kaputt ist, dann wird es im ganzen Haus keinen Strom geben. Die Chakras müssen also gereinigt und erweckt werden, und das geschieht hauptsächlich durch Pranayama und einige Asanas. Und dann verbleibt noch das Erwecken von Sushumna.

Du kannst den Geist durch Prana lenken
Es gibt noch einen Unterschied zwischen Patanjali’s Raja Yoga und Hatha Yoga. Die Schwierigkeit, die Schwankungen des Geistes zu steuern, war den Hatha Yoga Autoren bewusst, und so entwickelten sie eine andere Methode. Sie sagen, dass der Geist automatisch dadurch gesteuert werden kann, indem man Prana zu Hilfe nimmt.

Durch richtig ausgeführtes Pranayama wird der Geist automatisch besiegt. Die Shatkarmas sind so wichtig, weil sie auf die höheren Pranayamas vorbereiten, indem sie Blockierungen in Ida und Pingala auflösen, was zur Folge hat, dass Prana sich im ganzen Körper ausdehnen kann.

Der praktische Aspekt
Hatha Yoga beinhaltet Regeln und Hinweise, die beachtet werden sollten. Das bedeutet nicht, dass du allen Vergnügungen im Leben entsagen musst, aber du weißt sehr gut, dass du ‘niemals einen Kuchen gleichzeitig haben und essen kannst’. Wenn du beschlossen hast, in deinem Bewusstsein etwas zu verändern, dann musst du auch bereit sein, einige der Dinge zu opfern, die den Hatha Yoga Übungen und den Pranayamas diametral entgegenstehen.

Philosophie ist intellektuell, mit dem Intellekt kannst du den Evolutionspunkt nicht erreichen. Er wird zu einem Hindernis auf dem spirituellen Weg, deshalb müssen wir ihn transzendieren. In Hatha Yoga lässt du den Geist mit seinem Intellekt links liegen und arbeitest mit Prana, das macht den Weg so erfolgreich.

Hatha Yoga ist eine große Wissenschaft für jeden auf seinem jetzigen Stand. Einige dieser Übungen können mit Asanas und Pranayama zusammen jeden Tag ausgeführt werden. Erst wenn du diese Vorbereitung hinter dir hast, kannst du weitergehen. Aber wenn die Vorbereitung gut ist, dann brauchst du von niemandem die Meditation zu erlernen, denn eines schönen Morgens während deiner Pranayama Übung wird dein Geist dich in eine neue Bewusstseinsebene tragen

Der therapeutische Aspekt
Hatha Yoga hat sich daneben auch als eine große Hilfe für die körperliche Gesundheit entwickelt. Yogis heilen durch sie alle Arten von Krankheiten, wenn es auch ein längerer Weg ist, als die konventionellen Behandlungsmethoden; aber die Ergebnisse sind von Dauer und es erfordert keine teuren Medikamente.

Die Tatsache, dass hier mit dem Prinzip von Harmonie und Vereinigung gearbeitet wird, und nicht mit Trennung, macht diese Behandlung so wertvoll. Die Therapie basiert auf den drei folgenden Prinzipien:
1. Bringe einen Teil des Körpers in vollkommene Gesundheit, dann wirst du auch die anderen Körperteile beeinflussen.
2. Ausgleichen der positiven und negativen Energiepole (Ida/Pingala, Prana/Apana).
3. Das Reinigen des Körpers von den drei Formen der Abfallstoffe.

Wenn du 15 alte Großvateruhren zusammenstellst, alle mit verschieden langem Pendel und Gewicht, dann wirst du entdecken, dass alle ihre verschiedenen Pendel nach einiger Zeit im gleichen Rhythmus schlagen. Das beruht auf dem natürlichen Gesetz der Gegenseitigkeit von Rhythmus und Schwingung.

In diesem Körper hat jedes Organ und jedes System eine bestimmte Funktion, und doch sind sie alle miteinander koordiniert. Wenn nur ein Organ oder ein System mit den anderen nicht koordiniert, dann bedeutet das, dass nicht eins, sondern alle Organe und Systeme aus dem Gleichgewicht kommen. Bei Krankheit, ob nur körperlich oder seelisch, ist also keine Koordination mehr vorhanden. Indem du dir dieses Gesetz zunutze machst, stellst du Gesundheit in einem Teil her, und alle anderen werden selbstverständlich folgen.

Schlechte Gesundheit in einem Teil des Körpers verursacht schlechte Gesundheit im ganzen Körper. Du kannst nicht sagen, mein Magen ist krank, aber sonst bin ich gesund. Beginne also damit, ein Organ, ein System vollkommen gesund zu machen, dann wird allmählich der ganze Körper gesund. So sollte Hatha Yoga verschrieben werden.

Die meisten Yogalehrer halten sich leider nicht daran. Je nachdem, wie viel medizinisches Wissen sie haben, geben sie ihren Schülern eine endlos lange Übungsliste: eine gegen Verstopfung, eine gegen Nasenbluten, eine gegen Erkältung usw. Sie glauben, wenn sie einem Kranken für seine verschiedenen Beschwerden verschiedene Hatha Yoga Techniken zeigen, dass es ihm dann besser geht. Dieses System basiert auf dem allgemein gültigen Konzept, dass verschiedene Beschwerden zu verschiedenen Gruppen gehören. Der Zusammenhang des ganzen Organismus findet so keine Beachtung.

Die Energie im Körper zu konservieren, ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Gesundheit, der von den meisten heilenden Wissenschaften ignoriert wurde. Es wird so viel Wert auf Ernährung gelegt, aber die Energiequelle, die darinnen enthalten ist, haben wir vergessen. Es ist wie die positive und negative elektrische Ladung, die ständig pulsiert. Wenn diese beiden Energieformen im Gleichgewicht sind, sind wir gesund. Wenn einer dieser Ströme blockiert, unterdrückt oder schlecht verteilt ist, dann entsteht Krankheit.

Durch Hatha Yoga wurde in der physischen und mentalen Therapie viel erreicht. Krankheiten wie Asthma, Diabetes und Blutdruck können durch Hatha Yoga erfolgreich behandelt werden, während hier die moderne Medizin versagt. Ebenso bei Epilepsie, bei Hysterie und Rheumatismus und vielen anderen Krankheiten chronischer oder konstitutioneller Natur kann durch Hatha Yoga Verbesserung eintreten.

Die psychischen Krankheiten, unter denen die Menschheit leidet, sind nichts weiter als eine Form der Disharmonie im Energiesystem. Wenn wir sie heilen wollen, müssen wir unseren Körper mit anderen Augen betrachten und die Dimension der modernen Medizin erweitern. Der Körper, die Klassifizierung in Krankheiten und das System der Diagnose müssen neu überdacht werden.

Durch Asana und Pranayama können wir den ganzen Körper steuern; mit ihnen können wir nicht nur den Mechanismus eines Elementes verändern, sondern wir gewinnen Kontrolle über die gesamte Hirnstruktur und den Geist, das Kontrollsystem. So werden wir fähig, unser Leben und die Energie in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Der tiefere Sinn von Hatha Yoga
In den letzten vierzig Jahren hat sich Hatha Yoga überall auf der Welt einen therapeutischen Namen gemacht, viele wissenschaftliche Untersuchungen wurden auf diesem Gebiet gemacht. Der Mensch ist krank, und die Medizin ist überfordert. Durch Hatha Yoga kann jedem geholfen werden, und das sollten wir nicht unterschätzen; trotzdem ist es nicht das letztendliche Ziel.

Hinter jedem Kranken steht ein spiritueller Mensch. Hinter jedem Diabetiker ist ein Yogi. Hinter dem Menschen, der an Depression leidet, ist ein spirituell Suchender. Wenn jemand dich um Hilfe fragt, dann empfehle ihm Yoga, so dass er sich besser fühlt. Aber Yoga sollte nicht damit enden, sondern den Menschen in das spirituelle Reich seines Lebens weiter getragen werden.

Diesen Fehler machen die meisten Yogalehrer im Westen. Sie lehren ihre Schülern mit Arthritis, Rheuma oder Schlaflosigkeit einige Übungen, und das ist alles. Sie unterlassen es, die ganze Persönlichkeit zu behandeln, so kann die Ebene der Schüler nicht angehoben werden. Nur allein die Gesundheit zu verbessern, reicht nicht aus, auch die Mentalität muss gesunden, die Natur, die Persönlichkeit, die ganze psychologische und psychische Struktur muss sich verwandeln. Du solltest nicht nur frei von Krankheit sein, sondern die Freiheit von den Fesseln des Geistes erleben. Der wahre Geist von Hatha Yoga sollte heute von allen Yogalehrern weiter getragen werden.

Die meisten der Hatha Yoga Reinigungspraktiken können im Satyananda Yoga Zentrum erlernt werden. Um jedoch die vollständige Dhauti Übung (Shankhaprakshalana) zu machen, sollte man sich in einem Ashram aufhalten, am besten in der Bihar School of Yoga in Munger, Indien.

Swami Satyananda Saraswati
Yoga Heft Nr. 5, Quelle: www.satyananda-yoga.de

Aus ‘Steps to Yoga`
Kinder sollten nur eine einzige Botschaft bekommen: “Steh auf und tu!” Nicht ein einziger Moment sollte mit nutzlosem Trachten vertan werden. Sie müssen abenteuerlustig und unternehmungsfroh werden. Wie lange können sie von jemand abhängig sein? Hilf ihnen, dass sie ihre Willenskraft stärken, sich für etwas Endgültiges entscheiden und sich dann Tag und Nacht da hineinstürzen. Das Leben verträgt keinen Aufschub. Tod ist eine Herausforderung, eine Warnung, ein Ruf, mit den Realitäten des Lebens fertig zu werden; diese Realitäten sind sehr aufregend, sehr romantisch und so neu!

Aus ‘Karma Sannyasa’

Gebt euren Kindern die Möglichkeit zu wachsen!

Wenn ein Kind zur Welt kommt, bringt es dreierlei Samskaras mit. Erstens trägt es Karmas aus vergangenen Inkarnationen; zweitens die von seinen Eltern, und drittens die aus der Umgebung. Aus diesen Quellen hat es genug, um seine Karmas zu entwickeln, wachsen zu lassen, aufzubauen, zu zerstören oder zu vervielfältigen.

Eltern sind sicher ein wichtiger Faktor und Elternschaft ist ganz sicher eine bedeutende Lebensstufe. Kinder lieben die Freiheit – gib ihnen Freiheit. Kinder möchten sich nach ihren eigenen Vorstellungen entwickeln – gib ihnen die Möglichkeit. Versuche nicht, sie etwas anderes werden zu lassen. Wenn sie spielen möchten, lass sie. Wenn sie lesen möchten, lass sie. Wenn sie essen möchten, lass sie. Ob sie sich gut oder schlecht kleiden möchten; ob sie schreien, weinen oder leise sein möchten; ob sie sich auf dem Boden wälzen möchten – lass sie tun, was sie möchten.

Versuche nicht, sie sein zu lassen, wie du. Du gibst ihnen einige Spielsachen und sagst ihnen: “Sei brav, benimm dich gut, schrei nicht, sei anständig.” Etikette, Manieren, Kultur. Nein! Du belästigt sie mit diesen Dingen zu früh. Wenn sie 19 oder 20 Jahre ihres Lebens hinter sich haben, dann kannst du ihnen sagen, wie sie sich benehmen sollen. Was ist Etikette, was sind Manieren für ein Kind von fünf Jahren? Mein Gott, du mordest sie, indem du ihnen deine Philosophie aufdrückst!

Was für dich richtig ist, ist für sie nicht richtig. Wenn dein Kind fünf Jahre alt ist, bist du mindestens 25 oder 30 Jahre älter. Was ist der Unterschied? Ein Abstand von mindestens 25 Jahren zwischen dir und dem Kind. Das, was du sprichst, ist vom Geisteszustand her 25 Jahre von dem deines Kindes entfernt. Du bist schon weit gereist. Ich bin 60, was kann ich einem 10-jährigen Kind beibringen? Ich weiß nicht, wie es denkt. Wenn wir Kinder etwas lehren wollen, müssen wir werden wie Kinder, denken wie Kinder, nur dann können wir das.

Noch etwas Wichtiges: Kinder von 5-10 Jahren oder auch älter, sollten immer mit Gleichaltrigen zusammenleben. Du kannst sie nur beschützen, versorgen, führen. Du kannst ihnen kein Lehrer sein, weil du zu alt für sie bist. Du kannst ihnen ein hübsches Zimmer einrichten, Bücher und dies und jenes besorgen, aber das ist auch alles! Lass sie mit Gleichaltrigen zusammen sein. Lass sie kämpfen und sich schlagen; lass sie schreckliche Dinge sagen und miteinander diskutieren, wie immer sie möchten; lass sie lesen oder nicht lesen. Natürlich musst du sie laut Gesetz zur Schule schicken, aber ansonsten mache dir keine Gedanken um deine Kinder.

Sie sind mit ihrer eigenen Lebensversicherung gekommen, ihrem eigenen Karma, sie sind mit allem ausgerüstet. Sie haben ihr eigenes Schicksal, ihre eigene Zukunft, alle körperlichen, mentalen, emotionalen, philosophischen und spirituellen Wachstumsmöglichkeiten. Wenn dein Kind philosophisch reden möchte, dann lasse es. Das bedeutet, wenn du nicht willst, dass dein Kind von deinen eigenen Persönlichkeitskonflikten belastet wird, dann ist das einzige, was du tun kannst (und du solltest es in jedem Fall tun, denn jeder hat seine Konflikte), ihm eine freie Atmosphäre zu geben. Wenn es sich vollkommen frei fühlen kann, dann wirst du später merken, dass dein Kind deine guten Karmas übernommen hat, aber deine Persönlichkeitskonflikte hat es nicht übernommen. Es entwickelt sich vollkommen anders als du, was die Lebensäußerung betrifft.

Dies ist sowohl in den westlichen als auch in den östlichen Ländern ein sehr heikles Thema. Ich bin schon müde, immer wieder darüber zu sprechen, denn ihr versteht nicht. Ihr versteht nicht, weil Kinder für euch euer Spielzeug sind. Auf sie habt ihr eure Neurosen gepackt; auf sie häuft ihr alle eure Eigenheiten, eure Verrücktheiten. Ihr schaut sie an und wisst nicht, warum ihr sie zur Welt gebracht habt. Ihr kennt den Sinn nicht. Ihr nennt es Liebe, aber es ist keine Liebe; es ist Neurose, und ich möchte sagen, dass die meisten Eltern neurotisch sind.

Wenn dein Kind nicht in die Kirche möchte, zitterst du und sagst: “Mein Gott! Mein ganzes Leben habe ich auf die Bibel vertraut; ich habe Christus und der Kirche vertraut; nicht einen Sonntag habe ich ausgelassen. Dieses Kind spricht solchen Unfug ‘Wo ist Gott?’. Es ist nicht mein Kind. Das kann nicht mein Sohn sein, er ist nicht wie ich!” Und du bist ständig über ihn verärgert.

Weil du Katholik oder Protestant oder Hindu bist, soll dein Kind ebenfalls Katholik oder Protestant oder Hindu werden. Weil du Yoga machst, soll dein Kind ebenfalls Yoga machen. Weil du dich so kleidest, soll dein Kind sich auch so kleiden. Wenn es möchte, lasse es. Wenn es eine Yogaklasse im Ashram besuchen möchte, du magst den Platz aber nicht, lasse es trotzdem dorthin gehen, denn seine Wahl muss respektiert werden, nicht deine Wahl. Wenn du sein Vater oder seine Mutter bist, ist es auch dein Kind. Wer ist besser, höher? Sage es mir. Wer ist übergeordnet? Wer ist größer? Wer ist wichtiger, dein Kind oder du? Du kannst nicht sagen, dass du wichtiger bist. Dein Kind ist wichtiger, und du weißt es, möchtest es aber nicht wahrhaben.

Das ist ein großes Problem in der ganzen Welt, und ich glaube, ich kann keinen besseren Rat geben als diesen: Lasse deine Kinder mit der Natur leben; lasse sie denken, wie sie möchten, essen, was sie möchten, sagen, was sie fühlen; lasse sie glauben oder nicht glauben. Lasse sie Yoga oder Bhoga machen. Lasse sie Hindus, Christen oder Moslems sein oder gar keine Religion haben. Wenn sie in einer neuen Welt leben möchten, dann gib ihnen totale Freiheit, so dass sie sich ihren eigenen Lebensstil formen und aufbauen können.

So oft kann man in den Zeitschriften Artikel lesen wie ‘Die neue Welt`, ‘Der neue Weltorden`. Ein neuer Weltorden mit diesem alten Plunder? Wir sind verrottetes altes Zeug, indoktriniert von unseren Eltern, Sklaven unserer Philosophie. Wir folgen ihnen. Der Weg, den wir gehen, ist nicht unser eigener Weg. Wir gehen in ihren Fußspuren. Lasst unsere Kinder anders sein!

Ein oder zwei Generationen wird Anarchie sein, Durcheinander, Verwirrung – Kinder, die ihre eigenen Sachen machen, Fußball mitten auf der Straße spielen, und wild hupende Autos, so wie in Indien. Aber nach drei oder vier Generationen wird sich alles von allein verändern, eine neue Evolution wird einsetzen, und der neue Weltorden wird spontan, selbst erschaffen und kollektiv sein. So ein Weltorden ist kein von der Regierung gelenkter Orden. So etwas kann nicht durch Regierungen entstehen; Gesellschaft und Recht schaffen es nicht und Religionen erst recht nicht. Wir werden ganz einfach so leben, und das ist ‘Der Himmel auf Erden’. Ist Yoga gleichbedeutend mit Rückzug aus dem Leben? Macht uns Yoga egoistisch, introvertiert und entfernt uns dem christlichen Leben?

von Swami Satyananda Saraswati, Quelle: www.satyananda-yoga.de
Yoga Heft Nr. 30

In der Tantrischen Philosophie ist Mantra eine Kraft, die zum Erwecken des spirituellen Bewusstseins nutzbar gemacht werden kann. Die Basis von Mantra ist Klang, der sich vom Groben zum Feinen bewegt. Im ganzen Kosmos gibt es langsame, mittlere und schnelle Klangwellen. Die mittleren sind für uns wahrnehmbar, die langsamen und schnellen dagegen nicht. Wenn der Klang eines Mantras hörbar ist, ist die Frequenz im mittleren Raum und für uns wahrnehmbar. Aber wenn das Mantra still intoniert wird, ist die Frequenz höher und für uns nicht mehr wahrnehmbar.

Ein Mantra wirkt daher auf niederer und auf höherer Ebene. Wenn du einen Klang erzeugst und die Frequenz beschleunigst, dann berührt das das innere Reich des Bewusstseins. Wenn du einen Stein in einen ruhigen See wirfst, dann erzeugt der Aufprall kleine Wellen, die sich immer weiter ausdehnende Kreise bilden, je nach Kraft und Gewicht des Steins. Genauso wirkt das Wiederholen eines Mantras, der Klang schlägt auf das homogene Bewusstsein und erzeugt kleine Wellen, die bei der Ausdehnung des Bewusstseins hilfreich sind.

Die Barriere
Das Bewusstsein hat zwei Bereiche – individuell und universell. Eigentlich gibt es im ganzen Universum nur ein Bewusstsein, was sich aber gemäß dem einzelnen Kreislauf individualisiert. Dein Bewusstsein und mein Bewusstsein sind z.B. nicht zwei; es sind verschiedene Kreisläufe von einem Bewusstsein. Die Wahrheit ist, dass das individuelle Bewusstsein Teil des homogenen, universellen Bewusstseins ist. Deshalb kann auch das individuelle Bewusstsein immer mit dem kosmischen Bewusstsein verbunden werden, wenn wir wissen, wie. Wir müssen das als Gesetz betrachten, was für das spirituelle Leben von größter Bedeutung ist.

Wenn wir mit der Mantra Übung beginnen, erzeugen wir Vibrationen im äußeren Bewusstsein. Wenn das Bewusstsein dann ruhig und konzentriert wird, werden diese Vibrationen in den universellen Bereich des Bewusstseins übertragen. In diesem Moment bricht die Barriere zwischen individuellem und universellem Bewusstsein zusammen. Durch diese Barriere sind wir voneinander getrennt; du weißt nicht, was ich denke, und ich weiß nicht, was du denkst.

Das Bewusstsein ist eine universelle Mutter und seine Natur ist die der drei Gunas – Sattwa (Ausgeglichenheit), Rajas (Dynamik) und Tamas (Trägheit). Das Bewusstsein besteht aus Buddhi (unterscheidender Intellekt), Chitta (Inhalt des Bewusstseins) und Ahamkara (Ego, Ichbewusstsein).

In Tantra ist das Bewusstsein nicht das Denken, wenn wir das auch oft so interpretieren. Gedanken und Gefühle sind Ausdruckskräfte des Bewusstseins, aber nicht das Bewusstsein selbst. Wellen des Meeres sind Manifestationen des Meeres, aber nicht das Meer selbst. Gedanken und Emotionen sind die Vrittis (Muster) des Bewusstseins. Zorn, Leidenschaft, Begierde, Eifersucht, Liebe, Erinnerung, Urteil – das alles sind Muster, aber nicht das Bewusstsein.

Bewusstsein ist homogene Wahrnehmung, und ist zweifacher Natur – außen und innen. Sinnliche Wahrnehmung kommt von außen. Wenn wir das Bewusstsein von den Sinnen loslösen, entsteht innere Wahrnehmung. Wir können in beide Richtungen gehen. Extrovertiertes Bewusstsein bringt die Erfahrung von Form, Klang, Berührung, Geschmack und Geruch durch die fünf verschiedenen Sinnesorgane. Die sinnliche Erfahrung ist das Spiel des Bewusstseins. Wenn das Bewusstsein introvertiert wird, sind die Sinne inaktiv und leblos. Dann hört, sieht, schmeckt, spricht oder fühlt man nicht. Diesen Zustand nennen wir Pratyahara. Wenn das Bewusstsein sich nach innen zieht, durchbrichst du langsam die Barriere und kannst den Kosmos erkennen, eine unendliche Erfahrung. Es ist ohne Anfang und ohne Ende, ohne Umfang und ohne Mittelpunkt.

Wir beschreiben Wahrnehmung als äußerlich oder innerlich, materiell oder spirituell. Die materielle Wahrnehmung ist eine äußere Erfahrung des Bewusstseins. Spirituelle Wahrnehmung ist eine innere Erfahrung des Bewusstseins. Wenn das Bewusstsein eine Schranke hat, ist es auf materielle Erfahrung beschränkt, wenn die Schranke aufgeht, kommt die spirituelle Erfahrung. Laut yogischer Philosophie ist diese Schranke Avidya (Ignoranz) oder Maya (Illusion). Durch die Mantra Übung bricht diese Schranke entzwei.

Formationen des Bewusstseins
Jedes Mantra hat einen bestimmten Klang. Wir kennen nicht alle Klänge, wissen aber, dass es verschiedene Klänge gibt, sanfte und stärkere. Was geschieht, wenn ein Klang erzeugt wird? Wissenschaftler fanden heraus, dass sich die Gehirnwellenmuster dadurch verändern, während Tantriker von den Formationen des Bewusstseins sprechen.

Das Bewusstsein besteht nicht aus einem einzigen Element. So wie Wasser sich aus der Kombination von Hydrogen und Oxygen bildet, so ist auch das Bewusstsein eine Kombination unzähliger Formationen. In Yoga und Tantra nennt man diese Formationen Samskaras. Sie sind der Nachlass individueller Erfahrung durch viele Inkarnationen.

Das Bewusstsein arbeitet wie eine Kamera. Alles, was durch die Sinne erkannt und erfahren wurde, bleibt in einem unterschwelligen Teil des Bewusstseins eingeprägt. Diese Eindrücke sind so unzählig, dass du sie niemals alle kennen kannst, außerdem ist es nicht leicht, sie zu klassifizieren. Einige sind schwach und unbedeutend, während andere einen starken Einfluss auf den Charakter, die Gewohnheiten und die Persönlichkeit haben. Einige sind nur zeitweilig da, während andere dich ununterbrochen begleiten.

Man weiß, dass mächtige Gedanken wie Zorn, Leidenschaft, Eifersucht oder Angst gelegentlich im Bewusstsein aufsteigen, aber während der Meditation sind es viele unbedeutende Gedanken, die kommen und gehen. Das ist so, weil wir die Formationen des Bewusstseins nicht gereinigt haben. Die erste Vorbereitung zur Meditation ist deshalb Chitta Shuddhi (mentale Reinigung). Das sollte nicht als religiöse Übung missverstanden werden. Chitta Shuddhi bedeutet das Zurechtrücken der Formationen des Bewusstseins. Du wirst sonst während der Meditation von vielen kleinen Gedanken überfallen, die Ruhelosigkeit und Ablenkung mit sich bringen. Um Chitta Shuddhi auszuführen, wiederholt man am besten ein Mantra; wichtig ist, alle Gedanken, die während der Übung auftauchen, zu beobachten.

Die Formationen des Bewusstseins haben drei Bereiche – Vikshepa (Ablenkung), Vikalpa (Visionen in der Zielgerichtetheit) und Laya (vollkommene Auflösung). Vikshepa ist der Bereich, wo das Bewusstsein ständig von einem Punkt zum anderen springt und niemals konstant sein kann. Wenn du dich z.B. auf eine Kerzenflamme konzentrierst, und ein ablenkender Gedanke aufsteigt, nennt man das Vikshepa. Das ist eine Formation des Bewusstseins.

Die zweite Formation nennt man Vikalpa. Wenn du in Pratyahara gefestigt bist, dein Bewusstsein von den Sinnen gelöst hast, tritt zielgerichtete Wahrnehmung ein. In diesem Moment hast du Visionen. Du konzentrierst dich vielleicht auf eine Lichtquelle, aber nun tauchen Bilder auf dem inneren Bildschirm auf. Diese psychischen Formationen des Bewusstseins nennt man Vikalpa, und es ist sehr schwer, sie aufzubrechen. Wenn ein Gedanke in Dhyana Yoga auftaucht, kannst du ihn ganz sicherlich mit Willenskraft verscheuchen. Aber wenn Vikalpa kommt, dann bist du hilflos. Dieses sind unwillkürliche Ausdrucksformen der psychischen Formationen und du hast keine Kontrolle über sie. Wie wirst du sie vernichten oder zurechtrücken? Jetzt ist das Mantra sehr hilfreich, denn es ist in der Lage, die psychischen Formationen, Vikalpa, zu zerstören.

Es gibt noch eine dritte und mächtige Formation, man nennt sie Laya, Auflösung, Aussetzen. Zu dieser Zeit wird das Bewusstsein vollkommen eliminiert und es entsteht Shoonya (Leere). Du hast dich auf eine Flamme konzentriert und plötzlich ist alles ausgeschaltet; keine Flamme, nichts, und du bist total hilflos, verloren. Das ist eine sehr hartnäckige Formation.

Es gibt also drei Arten von Samskaras: Ablenkung, psychische Visionen und Aussetzen des Bewusstseins. Wie wirst du dich von diesen Formationen befreien? Mantra ist für diesen Zweck ein wertvolles Werkzeug, und es ist absolut notwendig, eine Mala dabei zu benutzen. Mantra und Mala werden zusammen die Formationen des Bewusstseins zurechtrücken. Während du z.B. Om, Om, Om wiederholst, gleitet dein Bewusstsein plötzlich ab und Visionen tauchen auf. Das Drehen der Mala wird die Visionen beenden und dein Bewusstsein zurückholen. Das ist die Bedeutung des Mantras im Zusammenhang mit Dhyana Yoga und dem Erwecken des spirituellen Bewusstseins.

Bija Mantras
Die Bija (Samen) Mantras sind kraftvolle Klänge, die einschneidende und unmittelbare Wirkungen haben. Es gibt viele Millionen Bija Mantras, aber wir kennen nur einige. Jedes von ihnen hat sein eigenes Element, was wiederum mit einem Zentrum im Körper verbunden ist. Om gehört zu Äther, dem feinsten Element. Äther ist mit dem Ajna Chakra verbunden, und deshalb ist Om das Mantra von Ajna; man betrachtet es als Vater, als kraftvollstes aller Bija Mantras. Wer ernsthaft nach der absoluten Wahrheit sucht, benutzt das Mantra Om.

Das ist nur eine Illustration eines Bija Mantras mit seinem dazugehörigen Element und Chakra. So gibt es viele: Das Mantra Lam gehört zum Erdelement, dem Sitz von Mooladhara Chakra. Vam behört zum Wasserelement, dem Swadhisthana Chakra. Ram behört zum Feuerelement, dem Manipura Chakra. Yam gehört zum Luftelement, dem Anahata Chakra. Ham gehört zum Ätherelement, dem Vishuddhi Chakra.

Bija Mantras sind ganz sicher eine hoch potenzierte Dosis. Aspiranten, die ihre mentalen Formationen noch nicht zurechtgerückt haben, sollten ein normales Mantra benutzen und kein Bija Mantra. Wenn du ein Bija Mantra benutzt, dann ist das Erwachen von Prana nicht mehr zu kontrollieren. Aus dem Grunde haben viele Menschen schon nach dem zweiten Tag der Mantra Übung innere Erlebnisse.

Wichtig: Guru und Üben
Ein Mantra sollte vom Guru empfangen werden. In einem Buch kannst du das für dich richtige Mantra nicht finden. So wie die Patrone vom Hammer des Gewehres angeschlagen werden muss, um zu feuern, so muss das Mantra vom Hammer des Guru angeschlagen werden, um das Bewusstsein zum Explodieren zu bringen. Die Verbindung zwischen Guru und Jünger ist allein das Mantra. Wenn der Guru dem Aspiranten das Mantra gibt, wird er sein Jünger. Jemand, der mit dem Mantra arbeitet und es entwickelt, wird ein Jünger. Mit Hilfe des Mantras versucht er, die Samskaras, die verschiedenen Formationen des Bewusstseins, zurechtzurücken.

Der Guru wählt das Mantra entsprechend deines Tierkreiszeichens, deines Temperaments, deiner Krankheit oder deines spirituellen Pfades. Wenn du das Mantra von deinem Guru empfangen hast, musst du es jeden Tag fünf bis zehn Minuten praktizieren. Ohne Üben wirst du nichts gewinnen, ganz egal, wie kraftvoll dein Mantra ist.

Das Mantra muss viele tausend Male wiederholt werden. Am Anfang sprichst du es laut, die Vibrationen sind dann äußerlich und die Wirkungen gröberer Natur. Wenn dein Bewusstsein allmählich ruhiger wird, werden die Vibrationen stärker und das Mantra dringt tiefer in das Bewusstsein ein, zuerst in das Wachbewusstsein, dann in das Unterbewusste, schließlich in das Unbewusste. Einmal hier angelangt, zerstört das Mantra alle Samskaras und mentalen Formationen. Aus diesem Grunde muss das Mantra regelmäßig mit der Mala wiederholt werden.

Wenn du das Mantra Om hast, praktizierst du z.B. fünf Malas jeden Tag. Wenn du morgens keine Zeit hast, mache es abends. Viele Eheleute trauen sich nicht, das Mantra nach Maithuna (dem Geschlechtsverkehr) zu praktizieren, aber laut Tantra ist die Wirkung zu dieser Zeit noch größer. Wenn du dir also fünf Malas am Abend gesetzt hast, dann mache es auch. Egal, was für ein Leben du führst – erst das Mantra, dann Schlafengehen.

Das Mantra ist eine reinigende Kraft. Nichts in der Welt kann es verunreinigen. Seine Kraft ist so groß, dass es alle Samskaras beherrschen und zerstören wird, egal, was du isst, wie du lebst, was du denkst oder welche Religion du hast. Wenn die Samskaras zerstört sind und der Vorhang auseinander fällt, wird das Göttliche wie die Sonne vor dir erscheinen. Wonach du gesucht hast, ist nicht weit, nur ein Schleier ist zwischen dir und mir, der durch Mantra Shakti, Mantra Yoga zerstört werden muss. Om ist das mächtigste aller Mantras.

(Yoga Magazin 1977)
Yoga Heft Nr. 1, Quelle: www.satyananda-yoga.de

Pratyahara ist Inneres Bewusstsein, das Zurückziehen der Sinne. Patanjali, der Autor der Yoga Sutras nannte Pratyahara Rückzug oder Rückkehr. Dies ist ein so wichtiger Aspekt für das menschliche Leben und sollte von jedem verstanden und geübt werden. Nachts während des Schlafes zieht sich das Bewusstsein von allen äußeren Dingen zurück, und wir sind uns der im Wachbewusstsein normalen Dinge wie Eltern, Freunde, Umgebung, Leid und Freud, Gewinn und Verlust, nicht bewusst; wir haben nicht einmal eine deutliche Bewusstheit für uns selbst. Dieser Rückzug des Bewusstseins, den die Natur so wohlwollend eingerichtet hat, rettet uns vor Geisteskrankheit. Es ist das größte Geschenk der Natur an den Menschen, ohne das die Menschen wahnsinnig würden.

Schlaf ist kein physiologischer Zustand, es ist ein Zustand des Bewusstseins. In Patanjalis Sutras ist Schlaf eines der ‘Chitta Vrittis’, eine der fünf Bewusstseinsformen. In Pratyahara zieht sich die objektive Wahrnehmung genauso zurück, wie im Schlaf, wir bleiben dabei jedoch vollkommen wach. Pratyahara ist ein Yogazustand, in dem das Bewusstsein erhalten bleibt. Im Schlaf sind wir unbewusst.

Pratyahara wäre die leichteste menschliche Betätigung, wenn es nicht die eine große Schwierigkeit gäbe, nämlich die Wahrnehmung aufrecht zu halten. Das Zurückziehen von äußeren Geschehnissen ist nicht so schwierig, aber wie sollen wir uns zurückziehen und gleichzeitig wach bleiben? Hier beginnt die Yogaübung. Man richtet sich auf einen bestimmten Punkt und verhindert dadurch das Einschlafen.

Antar Mouna ist eine wichtige Technik für Menschen mit unausgeglichenen Gefühlen und verwirrten inneren Eindrücken und Bildern (Samskaras). Für alle, die unfähig sind, sich auf eine Sache zu konzentrieren, bietet Antar Mouna die Voraussetzung und die Basis für den Prozess der Selbstreinigung. Wenn das Bewusstsein gereinigt ist, kommt die Konzentration ganz automatisch.

Man kann Antar Mouna in vielen Yogahaltungen machen, in Padmasana, Siddhasana, Vajrasana, Sukhasana oder – wenn diese Haltungen alle nicht möglich sind, auch in Shavasana, der Totenhaltung. Man kann es auch in einem Sessel machen. Das Wichtigste ist es, immer daran zu denken, nicht mit sich selbst zu kämpfen. Es ist ein wunderbares Heilmittel bei Schizophrenie (gespaltenes Bewusstsein). Die meisten von uns sind bis zu einem gewissen Grad gespalten, denn wir kämpfen mit ungewollten Gedanken, und das erzeugt in jedem Fall Konflikt. Immer dann, wenn wir etwas denken, das wir nicht denken wollen oder nicht gutheißen, gerät ein Teil des Bewusstseins mit dem anderen in Konflikt. Das führt zu Spaltung.

Während Antar Mouna darfst du dich nicht konzentrieren. Hier siehst du deinen eigenen Geist, beobachtest deine Wahrnehmungen und akzeptierst alle Erfahrungen. Auch wenn jemand kommt und dich stört, oder ein Flugzeug fliegt über dir, beobachte und akzeptiere es. Sei ein stiller unbeteiligter Zeuge all dessen, was passiert. Beobachte den Teil des Bewusstseins, der denkt und den Teil, der Gedanken ablehnt.

Wenn wir gesund sein wollen, müssen wir unsere Gedanken akzeptieren, egal ob sie heilig sind oder bösartig. In Antar Mouna nehmen wir diese Gedanken wahr und ebenso die Visionen oder Bilder, die Töne, die Gefühle, Berührung unseres Körpers, den Stuhl auf dem wir sitzen, Menschen um uns herum, das Auto, das vorbeifährt. Wir nehmen wahr und versuchen nicht, vor der Wahrnehmung zu flüchten.

Millionen von Samskaras, latenten Eindrücken, die in den Tiefen des Bewusstseins begraben sind, kommen immer hoch und beeinflussen unser Verhalten, unsere Persönlichkeit und unseren Lebensweg. Wenn du dich mit Pranayama vorbereitest, dann explodieren diese Samkaras aus der Tiefe deines Bewusstseins und kommen an die Oberfläche. In diesem Moment können wir erkennen, was sich dort alles abspielt. Normalerweise kommt ein Gedanke in dem Moment, wenn wir uns konzentrieren wollen. Wir sagen ‘Nein’ und schieben ihn auf die Seite. Aber das ist für unsere Persönlichkeit nicht gut und auch nicht für unsere spirituelle Entwicklung. Es ist so, als wenn man Durchfall hat und den Bauch kontrollieren will. Wenn wir starke Medikamente nehmen, hört vielleicht der Durchfall auf, aber dann entstehen vielleicht Pickel oder die Mandeln entzünden sich. So wie ein kranker Magen oder Darm den Körper vergiftet, so vergiften schlechte Gedanken (die jeder von uns hat), die Psyche. Das Ergebnis davon ist, dass wir uns Tag und Nacht ärgern oder sorgen, oder wir sind dauernd krank oder tragen uns mit Selbstmordgedanken. Das ist der Grund, weshalb jeder aufsteigende Gedanke akzeptiert werden sollte.

Schließe deine Augen und nimm wahr, was du denkst. Vergangenheit, die Gestalt oder das Gesicht eines Freundes, Menschen, die du hasst oder liebst – lasse alles kommen. Vergiss nur nicht, dass du nicht zu ihnen gehörst und sie nicht zu dir. Du bist Beobachter und sie ziehen an dir vorbei. Wenn jemand, den du liebst, in deine Gedanken kommt und du lässt dich in die Fantasie verwickeln, dann klammerst du dich an den Gedanken. Sich in einen Gedanken verwickeln zu lassen, schafft jedoch neue Gedanken und neue Eindrücke, die du innen speicherst. Diese Eindrücke sterben nicht; sie kommen wieder hoch. Antar Mouna ist das wertfreie Beobachten aller Gedankenmuster, und dadurch werden sie entfernt.

Wenn du während der Übung nichts sehen kannst und keine Gedanken kommen, dann mache einfach noch etwas Pranayama, dann wird die Öffnung geschehen. Es ist gut, wenn dir während Antar Mouna viele Gedanken und Probleme bewusst werden. Indem du sie beobachtest und akzeptierst, werden sie schwächer, und dann wirst du sie entfernen können.

Trotz all unserer Bemühungen, auf dem spirituellen Weg weiter zu kommen, ist es unmöglich, eine höhere Stufe des Bewusstseins zu erreichen, wenn diese schrecklichen Grimassen, diese fürchterlichen Symbole und dunklen Ecken in uns sind. Jemand mit Krebs oder einem Tumor wird nicht wieder gesund, nur weil er Früchte und andere vitaminreichen Nahrung zu sich nimmt. Egal, wie viel wir beten oder uns besinnen, wie enthusiastisch wir auch sein mögen, die Erleuchtung wird niemals näher kommen, so lange diese hässlichen Bilder in uns sind. Zuerst muss unser überladenes Bewusstsein gereinigt werden, und das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Es kann Monate oder Jahre dauern.

Sie haben uns gelehrt, bestimmte Gedanken nicht zu denken – unsere Eltern, die Gesellschaft und die heiligen Schriften. Allmählich sind alle diese ‘verbotenen’ Gedanken so tief vergraben worden, dass sie nicht mehr bewusst hochkommen können. Zu irgendeiner Gelegenheit jedoch, vielleicht beim Tod eines nahen Freundes oder Verwandten, beim Verlust eines erfolgreichen Geschäftes usw., findet plötzlich eine Explosion statt, und diese hässlichen Bilder kommen hoch. Jahrzehnte der Unterdrückung haben sie sehr mächtig gemacht, und wir können nicht mit ihnen umgehen. Diese alten Bilder explodieren wie eine Bombe und bringen manchmal die Menschen zum Wahnsinn.

Um das zu vermeiden, müssen wir mutig beginnen, diese schmutzigen Gesichter hochzubringen und aus unserem Bewusstsein zu entfernen. Ohne Furcht können wir diese mächtigen Gedanken beobachten, ohne uns mit ihnen zu identifizieren. Ich kenne Aspiranten, die Tausende von Menschen während Antar Mouna getötet haben, aber heute sind sie wunderbare Seelen.

Die versteckten Samskaras, die in uns arbeiten, sind Hindernisse auf dem spirituellen Weg und in unserem täglichen Leben ebenso. Wenn du einen Weg kennst, mit ihnen zusammen zu leben, dann gehe ihn. Ich jedoch kenne keinen anderen Weg, als sie hochzubringen und sie zu vernichten. Ich weiß, sie stinken und fühlen sich abscheulich an. Es sind unerfreuliche Gedanken der Gewalt, der Leidenschaft, es sind schreckliche Depressionen und fürchterliche Angst. Wenn sie unerwartet hochkommen, werfen sie uns vollkommen aus dem Gleichgewicht. Deshalb beginne damit, sie Stück für Stück hoch zu holen, so dass du irgendwann gereinigt bist. In Yoga ist dieser Zustand als ‘Atma Shuddhi’ oder ‘Chitta Shuddhi’ bekannt. Jeder spirituelle Aspirant sollte erkennen, dass er das höhere Bewusstsein, Gott oder wie immer du es nennen magst, nicht erkennen kann, so lange dieser Zustand nicht erreicht ist. Du kannst fünfzehnhundert Jahre lang beten, du kannst deine Mala Perlen rollen – ich will dich nicht entmutigen, mache weiter. Die lästigen Samskaras, das größte Hindernis zwischen dem ‘Ich’ und dem ‘Das’ werden bleiben. Antar Mouna ist der einzige Weg, aus diesem Dilemma herauszukommen.

Das 20. Jahrhundert ist eine Zeit der Unterdrückung. Der Mensch ist nicht frei. Er gräbt sich selbst Löcher und strampelt darin herum, ohne irgendetwas über sich zu wissen. Er hat verschiedene Definitionen, Glauben, Urteile und Etiketten geschaffen, die ihn binden und leiden lassen. Yoga kann den Menschen dieses Jahrhunderts den Weg der Selbstreinigung zeigen. Für alle, die ihr Leben Gotte weihen oder durch Yoga Samadhi oder Meditation erreichen möchten, habe ich nur eine Botschaft: Räume zuerst die Felsblöcke aus dem Weg, dann kannst du deine Reise sicher fortsetzen. Wie kann ein unfähiger, begrenzter, durch Ketten gebundener Geist höchstes Bewusstsein erlangen? So wie ein schmutziger Spiegel niemals dein Bild wiedergeben kann, so kann ein schmutziger Geist ein reines Bewusstsein nicht reflektieren, egal, wie lange du chantest, singst oder meditierst. Aus diesem Grunde sollten spirituelle interessierte wie auch kranke Menschen an ihrer Selbstreinigung arbeiten, nämlich mit Antar Mouna. Dann wird sich das Tor zur Meditation, zu spiritueller Wahrnehmung und zu Gesundheit und Glück von allein öffnen.

Was ist Prana

(Quelle: www.satyananda-yoga.de)

Das Ziel aller yogischen und anderer spirituellen Übungen ist es, die große kosmische Kraft – Kundalini Shakti – freizusetzen. Sie liegt dreieinhalb Mal zusammengerollt im Mooladhara Cakra. Der Erwachungsvorgang von dieser Kraft oder auch Prana wird in den Schriften so beschrieben:
“Der Flug eines Vogels, der sich von der Erde zum Himmel erstreckt, mit einem goldenen Band festgehalten.”

Die Erde ist Mooladhara Cakra, der Himmel ist Ajna Cakra, der Vogel ist Maha Prana und das goldene Band ist Sushumna Nadi, das sich durch die Mitte der Wirbelsäule bewegt. Durch Manipulieren, Speichern und Ausdehnen von Prana innerhalb des Körpers ist es möglich, die schlafende Prana Shakti zu erwecken. Das ist der eigentliche Sinn der yogischen Wissenschaften von Pranayama (Ausdehnung der Dimensionen von prana), und Prana Vidya (das Wissen über Prana).

Kundalini Shakti (makrokosmische Energie)
In den Upanishaden heißt es: “Ein Mensch mag Ohren, Augen und alle Fähigkeiten und Teile des Körpers besitzen, solange er jedoch kein Mahaprana hat, gibt es kein Bewußtsein.” Prana ist sowohl makrokosmisch als auch mikrokosmisch und ist die Essenz allen Lebens. Mahaprana (der große prana) ist die kosmische, universale, alles umfassende Energie, dessen Gehalt wir mit dem Atem aufnehmen. Laut Paramahamsaji: “Du kannst makrokosmisches prana nicht empfangen, nicht darüber sprechen, und selbst, wenn ich es könnte, würdest du es nicht begreifen.” Die unterschiedlichen Pranaströme im Körper – Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana – sind sowohl Teil des Mahaprana als auch von ihm getrennt.

Die kosmische Manifestation von Prana oder Mahaprana im individuellen Körper wird durch Kundalini dargestellt. Die gesamte kosmische Erfahrung vom Schöpfungsmoment bis zur Auflösung liegt eingebettet in den Windungen von Kundalini. Sie wird auch Atma Shakti oder universale Energie genannt. In der ganzen belebten Schöpfung wird das göttliche Bewußtsein zuerst in Prana oder Energie umgewandelt, und da Kundalini das Auffangbecken für diese unglaubliche Menge von Prana ist, kennt man sie auch als Prana Shakti.

Das Wort Kundalini kommt von dem Begriff kunda, was Höhle oder Grube bedeutet. Kundalini ist die der Materie von Mooladhara Cakra innewohnende Energie. Dieses ruhende Zentrum liegt im Perineum im männlichen und am Muttermund im weiblichen Körper. Wenn das gesamte Potential dieser Energie freigesetzt ist, bewegt es sich durch das Zentralnervensystem im physischen Körper – durch Sushumna Nadi – in den pranischen Körper.

Im Allgemeinen ist Prana Shakti jedoch nur teilweise aus Mooloadhara Cakra freigesetzt, und zwar durch die Verbindungswege der Nadis Ida und Pingala. Diese beiden können nur Energie mit niedriger Voltzahl leiten. Durch sie wird zwar Geist und Körper vitalisiert, aber nicht im gesamten Umfang. Nur die gesamte Kraft von Kundalini Shakti / Prana Shakti / Atma Shakti kann alle bewußten und vitalen Funktionen erwecken. Pingala Nadi leitet auch Prana Shakti, wir sollten jedoch die zwei verschiedenen Bedeutungen von Prana Shakti berücksichtigen. Auf einer Ebene ist es para (makrokosmisch) in der Form von Kundalini Shakti; auf der anderen ist es pinda (mikrokosmisch) in der Form von Prana Shakti, die durch Pingala geleitet wird.

Prana Shakti (mikrokosmische Energie)
Prana Shakti manifestiert sich auch als sechs Hauptzentren oder Cakras (Speicher für Prana), die sich in der Wirbelsäule befinden. Das unterste Cakra des Energiekreislaufes ist Mooladhara. Das nächste Cakra, Swadhishthana, befindet sich etwa zwei Finger breit über Mooladhara und korrespondiert mit dem Sakralgeflecht. Darüber, hinter dem Nabel, liegt Manipura, es gehört zum Solar Plexus. In der Wirbelsäule hinter dem Herzen befindet sich Anahata Cakra. Es hat Verbindung zum Cardiac Plexus. In der Mitte des Nackens befindet sich Vishuddhi Cakra, das mit dem Zervical Plexus korrespondiert. Am oberen Ende der Wirbelsäule, am Punkt der Medulla Oblongata, ist das Ajna Cakra, das mit der Zirbeldrüse im physischen Körper verbunden ist.

Um die Funktionen des Körpers zu steuern, manifestiert sich Prana Shakti außerdem in den fünf großen prana vayus, bekannt als prana, apana, samana, udana, vyana. Laut der Upanishaden nennt man prana vayu auch das Einatmen, apana das Ausatmen, Samana den Mittelatem und udana den aufwärtsstrebenden Atem. Vyana ist der alles durchziehende Atem. Prana vayu ist Einatmen, apana Ausatmen, samana die Zeit zwischen den beiden und udana die Ausdehnung von Samana. Jedes der vayus ist miteinander verbunden.

In der Chandogya Upanishad wird gefragt: “Wovon werden Körper und Sinne und die Seele getragen? Von Prana. Wovon wird Prana getragen? Von Apana. Wovon wird Apana getragen? Von Vyana. Wovon wird Vyana getragen? Von Samana.”

Aufgrund dieser fünffachen Pranabewegungen werden die fünf kleineren oderupapranas gebildet. Sie heißen: koorma – blinzeln, Krikara – Hunger, Durst, Niesen und Husten, Devadatta – Schlaf und Gähnen, naga – Schluckauf und Rülpsen und Dhananjaya, der bis kurz nach dem Tod verweilt. Diese zehn pranas zusammen kontrollieren alle Körperabläufe.

Die Notwendigkeit von Prana
Von den fünf vayus haben prana und apana einen besonders wichtigen Einfluß. Prana ist die hineinziehende Kraft, von der es heißt, daß sie ein Energiefeld erzeugt, daß sich vom Nabel zum Hals aufwärts bewegt. Apana ist die nach außen drängende Kraft, von der es heißt, daß sie ein Energiefeld erzeugt, daß nach unten vom Nabel zum Anus drängt. Beide, prana und apana, bewegen sich im Körper spontan, können jedoch durch tantrische und yogische Übungen gelenkt werden. In den Upanishaden wird gesagt, daß man eine Methode anwenden sollte, mit der die voneinander weg strebenden Kräfte prana und apana umgekehrt werden, so daß sie sich in samana, dem Nabelzentrum, vereinen. Das wird zur Erweckung von Kundalini führen.

Im Moment, wenn prana das Körperbewußtsein gänzlich losläßt, verläßt das Selbst den Körper, denn Prana und Bewußtsein sind die beiden Pole der einen Quelle – dem Selbst

In der Prashnopanishad heißt es: “Dieses Prana ist aus dem Selbst geboren. So, wie es einen Schatten gibt, wenn ein Mensch da ist, so ist dieser prana auf das Selbst fixiert…” (3 : 3) Im Tod, wenn der Atem aufhört und prana geht, gibt es keine Kraft mehr, die den Körper zusammenhält, und damit löst sich der Körper auf. Deshalb werden Atem und Prana in der Brihadaranyaka Upanishad mit einem Faden verglichen: “Wahrlich, diese Welt und alle Wesen werden von Luft wie von einem Faden zusammen gehalten. Deshalb sagt man wenn jemand stirbt, daß seine Gliedmaße sich auflösen, weil sie wie ein Faden von Luft zusammengehalten werden.” Solange prana bleibt, kann der Körper nicht sterben.

Vom Moment der Empfängnis bis zum vierten Monat lebt der Fötus ausschließlich vom prana der Mutter, und das ähnelt einem Geschwür im Mutterleib. Nach dem vierten Monat tritt prana in den Fötus ein und damit beginnt das individuelle Leben. Wenn die individuellen Pranas anfangen sich zu bewegen, werden die individuellen Körperfunktionen aktiv. Der Prana des Kindes wird jedoch erst mit der Geburt und dem ersten Atemzug völlig unabhängig.

Ohne prana wären wir zerfallene Leichen, könnten nicht sehen, hören, uns bewegen usw.

In der Prashnopanishad gibt es eine hübsche Parabel dafür: “Die Gottheiten (des Körpers) sind Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde, Sprache, Geist, Auge und Ohr. Als sie ihre eigene Herrlichkeit sahen, wurden sie überheblich – ‘Wir sind die Regenten des Körpers, denn wir tragen ihn’. Prana, der Chef von ihnen, sagte jedoch: ‘Betrügt euch nicht selbst. Es bin ich allein, der den Körper trägt und intakt hält, indem ich mich fünffach aufteile.’ Die anderen Gottheiten glaubten das nicht. In einem Anflug von Zorn zog Prana sich aus dem Körper zurück. Die Gottheiten mußten erkennen, daß sie mit ihm den Körper verließen und zurückkehrten, nachdem Prana den Körper wieder betrat. Wie Bienen ihren Bienenstock verlassen, wenn ihre Königin ihn verläßt, so verhielten sich auch die Gottheiten. Von nun an verehrten die Gottheiten Prana.”

Mulidimensionale Energie
Prana oder die faßbare Erscheinung des Höheren Selbst fließt durch verschiedene Energiewege im Körper. Die drei wichtigsten Wege pranischer Energie sind ida nadi, pingala nadi, sushumna nadi. Sie befinden sich entlang der Wirbelsäule. Ida und Pingala Nadi winden sich in drei Dimensionen um Sushumna, wie eine Wendeltreppe. Sich damit eng vertraut zu machen, hilft beim Verstehen der innewohnenden multidimensionalen Energie des Menschen, nämlich prana.

Ida und Pingala sind Ströme geladener Ionen, die einen Einfluß auf den Fluß von Prana ausüben können. Ida Nadi ist ein negativ geladener Pranafluß und Pingala ist ein positiv geladener Pranafluß. Die Konsequenz ist, daß sie wahrscheinlich bei Entladung alle Dimensionen des Bewußtseins dessen, der auf sie meditiert, beeinflussen. In der Tat glauben einige Wissenschaftler, daß die psychischen Zentren oder Cakras im Körper im Grunde genommen nichts anderes sind als Bereiche immenser Ausstrahlung, verursacht durch an einen Punkt gebundene Ansammlung pranischer Energie. Verschiedene subatomare oder elmentare Teilchen werden dabei freigesetzt.

Prana wurde als eine Art komplexer, multidimensionaler Energie beschrieben, die aus einer Kombination von elektrischer, magnetischer, elektromagnetischer, photonischer, okularer, thermaler und mentaler Energie besteht. Die fünf großen Teile von Prana, die in verschiedenen Teilen des Körpers existieren, weisen unterschiedliche Dichte der ionischen Felder auf. Sie können auch als umherwirbelnde Wolken mit verschiedenen Farben und Schattierungen visualisiert werden. Diese pranischen Wolken sind frei, um sich auszudehnen oder zusammen zu ziehen, mit oder ohne den Einfluß äußerer Faktoren.

Udana hat die geringste Dichte der Pranas, dann kommt prana, samana und apana. Vyana, der durch den ganzen Körper fließt, hat eine Dichte, die der Durchschnittsdichte der anderen entspricht. Die verschiedenen Farben der pranischen oder bioplasmischen Wolken entstehen durch die Emission der Photonen, wenn Elektronen ihren Energielevel von einer höheren zu einer niedrigeren Voltzahl verändern.

Von einigen Wissenschaftlern wird daher angenommen, daß die Natur von Prana wolkenähnlich ist und elektromagnetische Energie trägt. Daraus entstehen elektromagnetische Ausstrahlungen, in denen die wellenförmige elektrische Energie und die wellenförmige magnetische Energie im 90 Grad Winkel zueinander stehen. Daraus ergibt sich das Bild der Spirale.

Diese Ausstrahlungen haben Heilige und Weise aus aller Welt und zu allen Zeiten gesehen, beschrieben und gezeichnet. Vor ca. vier Jahrzehnten wurden sie mit der sogenannten Kirlian Photographie photographiert. Es ist die gleiche Erfahrung, die psychische Heiler machen, wenn bestimmte Kräfte den Körper verlassen und zum Patienten übertragen werden.

Pranayama Kosha
Vor vielen tausend Jahren haben Rishis und Seher gesagt, daß die Pranas nicht im grobstofflichen Körper angesiedelt sind, sondern in einem feineren Körper mit dem Namen Pranamaya Kosha oder pranische Hülle. Diesen Körper haben sie als wolkenähnlich beschrieben, in dem im Inneren eine konstante Aktivität herrscht. Verschiedene Farben werden entsprechend der Nahrung, des Denkens, des Bewußtseinszustandes während der Meditation und der Umgebung ausgestrahlt.

Laut Yoga formt Pranamaya Kosha das feine Netzwerk, durch das Prana fließt. Man nennt ihn auch den pranischen, den ätherischen oder den bioplasmischen Körper. Diesem Energiekörper gibt man die gleiche Form wie dem physischen Körper. Durch verschiedene yogische Techniken, durch Konzentration und Visualisieren, kann man jedoch erreichen, daß er sich ausdehnt und zusammenzieht, besonders mit Prana Vidya. Wenn unsere Wahrnehmung extrem fein auf den pranischen Körper eingestellt wäre, könnten wir einen Lichtkörper sehen, in dem es unzählige, kabelähnliche Strukturen gibt, die Shakti oder Energie leiten. Diese kabelähnliche Struktur sind die Nadis oder Energieströme. Die Shiva Samhita spricht von 350.000 Nadis im Körper, die Prapanchasana Tantra von 300.000 und die Goraksha Satarka von 72.000. Es gibt unendlich viele Nadis in der Struktur des grobstofflichen Körpers, die Bewußtsein und Prana zu jedem Atom leiten.

Dieses pranische Feld wird wegen der Tatsache, daß es ähnlich wie Plasma (geladene Gase), wie es die Plasma Physik lehrt, manchmal Psi Plasma genannt. Es ist ein Dunst geladener Teilchen, die innerlich durch den Geist und äußerlich durch elektrische, magnetische oder elektromagnetische Felder beeinflußt wird.

Dieses Konzept ist für viele ernsthafte Schüler der Plasma Physik, der Metaphysik und der Parapsychologie absolut annehmbar. Auch bei Betrachten der inneren Verbindung von pranischer, mentaler, emotionaler, spiritueller und physischer Energien läßt sich das leicht verstehen. Eine Veränderung innerhalb dieser Energien bringt konsequenterweise eine gleichgeartete Veränderung in den anderen mit sich.

Wegen der Bewegung der pranischen Wolken ist es ganz natürlich, daß die dichteren Wolken dazu neigen, sich in Regionen geringerer Dichte zu bewegen. Das wird wiederum durch die Anziehung für weniger dichte Wolken durch die dichteren gefördert. Auf diese Weise entsteht eine ununterbrochene Aktivität innerhalb der pranischen Regionen. Durch verschiedene yogische Übungen wie Pranayama, Mudras, Bandhas, die Hatha Yoga Shatkarmas und Prana Vidya, wird dieses Vermischen weiter angetrieben. Oft werden diese pranischen Felder gezwungen, zusammen zu kommen, was Hitze oder manchmal auch Kälte im Körper entstehen läßt, oder es führt zu Beschwingtheit, Introvertiertheit, größerem Appetit, feinerer Wahrnehmung von Farben und Klängen, dann nämlich, wenn man Konzentration oder Rückzug der Sinne (Pratyahara) praktiziert. Viele dieser Erfahrungen werden durch Pranayama ausgelöst, was deshalb für absolute Anfänger von Yoga meistens zu stark ist.

Pranische Wirbel
In der ‘Hatha Yoga Pradipika’ von Swatmarama heißt es: “Nur, wenn alle Nadis und Cakras, die voller Unreinheiten sind, gereinigt sind, kann der Yogi Prana festhalten.” (V.5, Kap. 2). Um die große Kundalini Shakti zu erwecken, muß der Übende nicht nur die Energiewege (Nadis) reinigen, sondern auch die Quantität und Qualität von Prana erhöhen und speichern. Prana sammelt sich in den sechs großen Zentren entlang der Wirbelsäule. Sie befinden sich im feinstofflichen Körper, korrespondieren jedoch mit den Nervengeflechten im grobstofflichen Körper. Prana Shakti und Manas Shakti sammeln sich in den Cakras und bilden wirbelnde Energiemassen. Jedes Cakra schwingt in einer bestimmten Geschwindigkeit. Die Cakras am untersten Punkt des Energiekreislaufs arbeiten auf niederer Frequenz. Es heißt, daß sie grobstofflicher sind und auch die Bewußtheit dementsprechend ist. Die oberen Cakras des Kreislaufes arbeiten mit höherer Frequenz und sind verantwortlich für feinere Bewußtheit und höhere Intelligenz.

Prana und Bewußtsein
Laut Vedanta gibt es zwei Aspekte im menschlichen Dasein – Prana und Bewußtsein. Prana ist die vitale oder bioplasmische Energie, die von Natur aus universal ist. Bewußtsein ist Wissen. Prana ist der aktive Aspekt und Bewußtsein ist der ruhende Aspekt unseres Seins. Bewußtsein, das Geist-Prinzip, wird Purusha (wörtlich ‘das, was in der Stadt schläft’) genannt. Prana, das Prinzip der Natur, der Energie und Materie, wird Prakriti (wörtlich ‘Aktivität’) genannt.

Purusha muß immer in Kooperation und in Einheit mit Prakriti arbeiten. Ohne Prana kann Bewußtsein nicht erschaffen. Es muß eine allem zugrundeliegende Kraft geben, die in die unterschiedlichsten Objekte und Formen umwandelt. Auf höherer Ebene der Erfahrung sind Prana und Bewußtsein eins. Auch auf weltlicher Ebene der Existenz sind sie voneinander abhängig, leben in einer Wechselbeziehung. Tatsächlich sind sie voneinander abhängige Einheiten, die manchmal zusammenfließen und zu anderen Zeiten voneinander getrennt sind. Daher kann Prana vom Bewußtsein und umgekehrt beeinflußt werden.

Wie können wir die Natur unserer Existenz begreifen? Prana können wir begreifen und erfahren, wenn wir die Dimensionen unseres Bewußtseins gründlich studieren. Das ist jedoch ein äußerst schwieriges Vorgehen, weil es voraussetzt, daß wir unsere Bewußtseinsnatur direkt wahrnehmen können. Das aber ist für die meisten Menschen nicht möglich.

Pranayama
Ein leichterer Weg des Begreifens und Verwirklichens von Dimensionen des Bewußtseins ist der, die verschiedenen Aspekte von Prana im Körper durch yogische Techniken wie Pranayama und Prana Vidya zu studieren und zu verwirklichen. Da Prana die Kraft im Atem und im Körper ist, ist dieser Weg der einfachere.

Das Wort Prana ist eine Kombination von zwei Silben, Pra und Na. Sie bedeuten: Beständigkeit, eine Kraft in ständiger Bewegung. Während Prana die vitale Kraft ist, ist Pranayama der Verlauf, in dem der innere pranische Vorrat erhöht wird. Manche Menschen unterteilen das Wort Pranayama in Prana und Yama und bezeichnen es als Atemkontrolle. Das Wort Pranayama ist jedoch aus den beiden Worten Prana und Ayama zusammengesetzt und bedeutet dann: pranische Fähigkeit oder Länge.

Pranayama ist eine Technik, durch die die Quantität von Prana im Körper auf eine höhere Frequenz gebracht wird. Durch Pranayama Übungen wird eine gewisse Größe an Hitze oder kreativer Kraft im ganzen Körper erzeugt, die das vorhandene Quantum an Prana beeinflußt. Dieses Prana bewegt sich dann durch Pingala Nadi zum Ajna Cakra. Wenn genügend Hitze im System erzeugt wurde, überwacht das Ajna Cakra die Verteilung der Botschaft zurück zur Basis von Kundalini und das tatsächliche Erwachen des großen Prana kann beginnen. Die Wissenschaft von Pranayama basiert mit diesem Ziel auf dem Zurückhalten von Prana oder Kumbhaka.

Atemanhalten
Sich der Natur des Atems bewußt zu werden und ihn zurückzuhalten, führt zu Kontrolle über das ganze System. Wenn du den Atem anhältst, sind für diesen Moment Nervenimpulse in verschiedenen Teilen des Körpers eingestellt und Gehirnwellenmuster laufen zusammen. In Pranayama soll die Länge des Atemanhaltens ausgedehnt werden. Je länger der Atem angehalten wird, umso größer ist der Spalt zwischen den Nervenimpulsen und ihrer Erwiderung im Gehirn. Wenn der Atem für eine ausgedehnte Zeit angehalten werden kann, verringert sich die mentale Agitation.

Technisch ausgedrückt und auch laut Patanjali ist Pranayama nur Zurückhalten:“Nach Ausführen von Asana ist Pranayama das Beenden der Bewegung von Ein- und Ausatmen.” (Sutra 49). Ein- und Ausatmen sind die Methoden, um das Zurückhalten herbeizuführen. Das Anhalten ist extrem wichtig, weil eine längere Zeit der Aufnahme von Prana zur Verfügung steht, und es läßt mehr Zeit für den Austausch von Gasen in den Zellen, wie Sauerstoff und Kohlendioxyd. Durch den Atem sind Prana und Bewußtsein essentiell miteinander verbunden und können mit wissenschaftlichen Methoden voneinander getrennt werden. Dazu dienen yogische Techniken, den Atem anzuhalten.
(Einführung aus: Prana – Pranayama – Prana Vidya von Paramahamsa Niranjanananda)

Prana                         Bewusstsein
Vitalenergie                 Wissen, Mentalenergie
Prakriti                        Purusha
aktiv                           ruhend

Prana Shakti              Chitta oder Manas Shakti
Shiva                          Shakti                (Tantra)
Ida                             Pingala            (Yoga)

Beide Pole müssen im Zustand der Ausgeglichenheit sein.

(Auszug aus dem Buch: `Sure Ways to Self Realisation’ Swami Satyananda)
Yoga Heft Nr. 35, Quelle: www.satyananda-yoga.de

Das Wort `Yantra’ stammt aus der Wurzel Yam – festhalten, und dem Zusatz tra, was Instrument bedeutet. Yantra ist also ein Instrument, um das Bewusstsein oder die Bewusstheit zu halten.

Ein Yantra ist eine Art geometrisches Diagramm, bestehend aus Dreiecken (mit der Spitze nach oben oder nach unten weisend, Shiva oder Shakti repräsentierend), Kreisen, Quadraten, Hexagons, Pentagons usw. Yantras können auf Papier, Holz, Stoff oder jedes andere Material gezeichnet werden, auch direkt in den Sand oder die Erde. Ein Yantra ist die sichtbare Schwingung eines Mantras.

Das alte tantrische Wissen über Yantras wurde als Hilfe zur inneren, spirituellen Erfahrung betrachtet. Yantra ist Symbol für Bewusstsein oder tiefere Ebenen der Psyche, was sich im Wachbewusstsein in geometrischen Formen manifestiert. Ein Künstler z.B. hat das innere Bild einer Blume oder des Meeres, und wenn er das malt, dann ist das Bild nicht eine Erfahrung seines Pinsels, sondern die seines Bewusstseins. Genauso geht es einem Yogi, der in das Unbewusste eintritt und dort Schwingungen, Gestalten und Erfahrungen in Form dieser geometrischen Muster begegnet.

Wir finden diese Yantras und Mandalas nicht nur in der tantrischen Kultur, sondern auch im alten Kabbalasystem der Juden. Sowohl in der vorchristlichen Mystik Europas wie im alten Ägypten, in China, in Tibet und Japan waren sie bekannt. Obwohl die Yantras im Tantra meistens geometrische Formen aufweisen, können sie doch aus fast jeder Form bestehen. Im alten Ägypten galten auch menschliche und tierische Formen als Yantras. Es können auch Bilder von Durga, Kali, Hanuman, Shiva und anderer Gottheiten des Hinduismus wie auch jeder anderen Religion sein. Diagramme von Gottheiten findet man besonders im Tantra des tibetischen Buddhismus. Es wird auch angenommen, dass die Christen das Kreuz Yantra oder Mandala benutzten.

Die Eskimos ritzten Mandalas in große Steine und die Kunst vieler alter Kulturen, – der Indianer, der australischen Ureinwohner u.a. – geben Zeugnis davon, dass Yantras und Mandalas benutzt wurden.

In Kriya und Kundalini Yoga kannst du in jedem Chakra ein Yantra finden. Wenn man sich auf diese Energiezentren konzentrieren will, ist es viel einfacher, das Symbol, dass das Chakra repräsentiert, zu visualisieren, als das Chakra selbst.

Das Bewusstsein ist ohne Gedanken nicht zu erfassen. Durch unsere Gedanken lernen wir zwar unser Bewusstsein kennen, da es jedoch formlos ist, ist es unmöglich, es intellektuell zu begreifen. Yantras werden benutzt, um die Kraft des Unbewussten in Form zu bringen.

Yantras sind Zeichen deiner Frustrationen, deiner mentalen Probleme, die du nicht kennst und vielleicht niemals kennen wirst. Alles, was du in deiner Kindheit erfahren hast, Traumas, emotionale Krisen usw., ist irgendwo im Bewusstsein gespeichert und vergessen. Im späteren Leben entstehen vielleicht Probleme durch die verursachten Blockaden. Unbewusst spürst du etwas, weißt aber nicht, was es ist. An diese Art von Problemen kommst du heran, wenn du mit einem Yantra arbeitest, indem du dich auf die Form des Yantras, das für deine Persönlichkeit passend ist, konzentrierst. Angstkomplexe, unterdrückte Ambitionen, Emotionen usw., werden langsam aus dem Bewusstsein verschwinden. Yantras bringen das Unbewusste auf friedlichem Wege zum Ausbruch.

Wenn du ein Yantra nimmst, was von einem Meister, der sich in dieser Wissenschaft auskennt, für dich ausgewählt wurde und du es an die Wand hängst, immer wieder darauf meditierst, wird es sofort auf dein Unbewusstes einwirken.

Dr. Swami Vivekananda Saraswati
(Auszüge aus dem Buch YOGA AND KRIYA,
erschienen in der BIHAR SCHOOL OF YOGA)
YOGA Heft Nr. 7, Quelle: www.satyananda-yoga.de

Die hier formulierten zehn Schlüssel sollten nicht moralisch gewertet werden. Es sind Vorschläge, wie Du bewusst Deine Lebensgewohnheiten gegenüber den Lebenssituationen verändern kannst. Mit ihrer Hilfe kannst Du Dich so weit entspannen, dass Du durch Meditationspraxis irgendwann beginnst, in Deine Gedanken hineinzutauchen und die tieferen negativen Aspekte aus Deiner mentalen Natur herausreißt. Diese Schlüssel beabsichtigen nicht, Deinen Lebensstil zu verändern, und Du solltest sie Dir nicht ununterbrochen aufzwingen. Wenn Du Dich in Deinem täglichen Leben gelegentlich an sie erinnerst, wird ihre Anwesenheit Dir von innen her helfen, aus der Tiefe Deiner unterbewussten ‘Gewohnheits-Zentren’.

Erster Schlüssel
Bemühe Dich, einen Anfang zu machen, andere Menschen voll zu akzeptieren. Versuche nicht, sie bloß als Objekte zu sehen, die Du für Deine eigene Befriedigung benutzen kannst. Versuche, zu verstehen, dass sie ebenfalls in Übereinstimmung mit ihrer tief liegenden Konditionierung handeln. Was Du in ihnen siehst, ist nur eine äußere Offenbarung ihres mentalen Programms. In diesem Sinne gibt es keinen Unterschied zu Dir, außer, dass ihr Programm ein bisschen anders ist. Du kennst heute die Abhängigkeit Deiner Bewusstseinskonditionierung; der andere hat das vielleicht noch nicht realisiert. Wenn Du andere besser akzeptieren kannst, werden sie Dich ebenso akzeptieren. Lach über Dich selbst, über Dein Benehmen und über Deine Mätzchen.

Zweiter Schlüssel
Akzeptiere Dich selbst! Wisse, dass Deine Handlungen das Ergebnis Deiner Gedanken sind. Darum mach Dir keine Sorgen über Deine Unzulänglichkeiten und Probleme. Akzeptiere Deine Grenzen. Aber fühl zur gleichen Zeit die Notwendigkeit, Dein Bewusstsein von seinen Konflikten zu befreien. Es ist unsere Unfähigkeit, uns selbst zu akzeptieren, was uns so viele Schmerzen im Leben bereitet.

Dritter Schlüssel
Beobachte Dein Verhalten zu den Menschen um Dich herum und zu Deiner Umwelt. Erkenne, wie unzufrieden das Verhaftetsein an äußere Dinge Dich macht. Versuche, Deine Bedürfnisse zu reduzieren, um mit den äußeren Dingen zufrieden zu sein. Das bedeutet nicht, alle äußeren Reize zu meiden, denn das Ergebnis wäre Verdrängung, und das schadet mehr als das es nützt. Es bedeutet, dass Du Dein Leben so weiter führen solltest wie bisher, aber wenn Du etwas nicht bekommst, was Du gern haben möchtest, solltest Du dies mit einem Schulterzucken und mit Unbeschwertheit akzeptieren.

Vierter Schlüssel
Geh auf Suche nach Deinen stärksten Bedürfnissen, Wünschen, Begierden, Bindungen usw. Sei so kritisch wie irgend möglich. Eine gute Methode, Deine Bindungen zu entlarven, ist es, den Grund Deines augenblicklichen Ärgers oder Deines momentanen Unglücklichseins bis an den Ursprung zurückzuverfolgen, und dort wirst Du die emotionale und gedankliche Einstellung finden, die diese Störung verursacht hat. Beobachte ganz besonders, wie Du auf Menschen reagierst, die Du nicht leiden kannst oder mit denen Du nicht klar kommst. Diese Menschen können Dir dabei helfen, Deine seelischen Schwierigkeiten zu erkennen und dann zu entfernen. Betrachte die ganze Welt und alle Menschen als Deinen Lehrer.

Fünfter Schlüssel
Versuche, im Hier und Jetzt zu leben. Lebe nicht in der Vergangenheit, indem Du Dir Sorgen machst über das, was schon geschehen ist, oder indem Du Dir freudige Ereignisse in Erinnerung holst. Nimm die Zukunft nicht vorweg. Du kannst Pläne machen, aber sieh die Pläne als einen Teil des Jetzt, nicht als einen Zukunftsplan. Versuche, jeden Moment, diesen augenblicklichen Moment voll zu leben, indem Du Deine ganze Aufmerksamkeit ins Jetzt gibst. Auf diese Art wirst Du beginnen, Dein Leben voll zu leben. Was immer Du tust, baden, essen, saubermachen oder Deinen Lebensunterhalt verdienen – versuche, nicht ans Ende zu denken. Freu Dich über alles, was Du tust in dem Moment, wenn Du es tust. Versuche Dich darüber zu freuen, dass Du existierst und das kannst Du durch jede Deiner Handlungen zum Ausdruck bringen.

Sechster Schlüssel
Identifiziere Dich nicht total mit deinen Handlungen, Deinem Körper oder Deinen Gedanken. Wenn Du also versuchst, Deine Gedanken zu ändern, so ist das nur ein Teil von Dir. Es ist nicht Dein ganzes Bewusstsein – der Zeuge, der alles, was in Deinem Leben geschieht, sehen kann. Die meisten Menschen identifizieren sich mit ihrem Körper und ihren Gedanken. Wir ignorieren das Bewusstsein, und das liegt hinter allem, was wir tun. Wenn wir unsere Gedanken und unseren Körper reinigen, können wir uns selbst mit dem darunter liegenden Bewusstsein sehen und identifizieren.

Siebter Schlüssel
Versuche, Dich Menschen gegenüber mehr zu öffnen. Drücke so weit wie möglich Deine wahren Gefühle aus. Wenn wir versuchen, etwas zu sein, was wir nicht sind, wenn wir versuchen, auf Menschen Eindruck zu machen, und wenn wir unsere inneren Gefühle vor anderen verbergen, entsteht sofort eine Spannung im Gemüt. Diese Spannung verstrickt uns tiefer in das Gefühl: Ich allein gegen die ganze Welt. Bedenke, dass selbst ein gänzlich unsensibler Mensch bis zu einem gewissen Grad entdecken kann, wenn Du etwas verbirgst oder wenn Du Schuldgefühle hast, denn es ist möglich, dass er dasselbe Schuldgefühl versteckt oder früher einmal versteckt hat.

Achter Schlüssel
Denk immer daran, dass jeder in der Lage ist, zu höherem Bewusstsein zu gelangen. Das jetzige Verhalten eines anderen Dir oder seiner Umgebung gegenüber ist von der gedanklichen Programmierung geprägt. Seine augenblickliche Art zu leben ist vorübergehend und wird sich verändern und wird in dem Moment harmonischer werden, wenn er beginnt, sich selbst und seine Gedanken zu verstehen. Jeder von uns hat unerkannte Anlagen, die nur angestoßen werden müssen. Versuche, diese Anlagen in jedem Menschen zu sehen, ganz egal, wie schwer das auch sein mag.

Neunter Schlüssel
Vermeide keine schwierigen Situationen. Normalerweise gestalten wir unser Leben so, dass wir mit Menschen, die wir nicht mögen, so wenig wie möglich zusammen kommen. Wir suchen uns Menschen und Situationen, die gefühlsmäßig mit uns übereinstimmen. Und das trägt dazu bei, unsere Vorurteile zu verstärken und zu befriedigen. Betrachte schwierige Situationen und Feinde als Deine größten Lehrer. Sie sind es, die uns am deutlichsten zeigen, wie unser gedankliches Programm arbeitet. Es sind unsere Feinde, die unsere emotionalen Konflikte und Vorurteile an die Oberfläche bringen. Nur sehr wenige sind sich ihrer eigenen Programmierung und Konditionierung bewusst. Wenn wir dies erkennen, können wir beginnen, damit umzugehen.

Zehnter Schlüssel
Versuche Dich in andere Menschen hineinzudenken. Anstatt blind in einer Weise zu reagieren, auf die Du programmiert bist, versuche, die Blickweise des anderen zu sehen. Als Beispiel: Jemand lässt die Tür offen und Du ärgerst Dich darüber. Anstatt Dich zu ärgern, frag, warum er die Tür offen ließ. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er an etwas ganz anderes gedacht. Vielleicht ist es ein Teil seines gedanklichen Programms, Türen offen zu lassen; es kann ja sein, dass er in einem Haus groß geworden ist, das keine Türen hatte. Ebenso ist es Deine Programmierung, ärgerlich zu werden, wenn jemand Türen offen lässt. Denk daran, dass Deine Reaktion rein automatisch ist. Versuche, Deine Reaktion zu verändern, so dass offengelassene Türen Dich nicht aus der Fassung bringen. Wende das auf andere Situationen in Deinem Leben an.

Extra-Schlüssel mit besonderer Wirkung
Führe ein spirituelles Tagebuch. Dazu sagt Swami Sivananda: ‘Ein spirituelles Tagebuch zu führen ist ein unerlässliches Hilfsmittel von überragender Bedeutung. Wer sich schon daran gewöhnt hat, kennt die unschätzbaren Vorteile. Ein Tagebuch ist eine Peitsche, die den Geist zu Gott treibt. Es zeigt den Weg zu Freiheit und ewiger Seligkeit. Es ist dein bester Freund, der dir die Augen öffnet und dir dabei hilft, alle schlechten Eigenschaften zu entlarven und umzuwandeln. In deinem Hirn versteckt sich ein schlimmer Dieb. Er hat dir deine Atmaperle gestohlen und gibt dir dafür ungeheure Schwierigkeiten und Kümmernisse. Er täuscht dich. Dieser Dieb ist dein Verstand. Du darfst nicht milde gegen ihn sein. Nichts kann seine trickreichen Spiele besser entlarven, als dieses Tagebuch. Du solltest keinerlei unrichtige Angaben eintragen, denn du hast den Pfad der Wahrheit betreten und schreibst nur zu deinem persönlichen Vorteil auf. Gib dir deine Fehler offen zu und unterlasse keine Eintragung.’

Du solltest jeden Tag die gleichen Fragen beantworten; zwei Fragen sind am Anfang genug:

1. Wie oft habe ich mich über andere geärgert?
2. Wie oft habe ich mich über mich selbst geärgert?

Omraam Mikhael Aivanhov, Quelle: www.satyananda-yoga.de
YOGA Heft Nr. 13

Nur wenig Menschen realisieren, was für eine wichtige Rolle Essen in ihrem Leben spielt. Nur wenn man einmal ganz bewusst auf Essen verzichtet, kann man sehen, wie viele Stunden am Tag mit Einkaufen, Vorbereiten, Essen und Abwaschen verbracht werden.

Früher haben Menschen überall auf der Welt Nahrung zu sich genommen, die auf Getreide aufbaute und Fleisch spielte nur eine sehr kleine Rolle darin. Der Trend, viel  Fleisch zu verzehren, hat erst mit diesem Jahrhundert begonnen. Und mit zunehmendem Wohlstand nach dem zweiten Weltkrieg hat sich der Fleischkonsum, die Lust auf exquisite Nahrung und Delikatessen aus aller Herren Länder ungeheuer ausgedehnt. Dies ist nicht nur in den westlichen Ländern auffallend, sondern überall da, wo der westliche Einfluss hingelangen konnte, in der Sowjetunion, Japan, bei der Elite in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Mit der westlichen Technologie werden aber auch die damit im Zusammenhang stehenden Krankheiten in diese Länder importiert, Herzkrankheiten, Diabetes, Hypertonie, Arteriosklerose und Darmkrebs, Verstopfung und Hämorrhoiden.

Unsere Essgewohnheiten unterliegen in großem Maße unseren Gefühlen und werden weniger von intellektueller Überzeugung bestimmt. Mehr und mehr Menschen erkennen, dass das Was und Wie und Wann wir essen im engen Zusammenhang steht mit körperlichem und seelischem Wohlbefinden; immer mehr Menschen verändern aus diesem Grunde ihre Essgewohnheiten. Ausdehnung des Bewusstseins ist die tiefste Essenz von Tantra. Durch Yogaübungen verfeinern wir die Wahrnehmung, und wir können dann die emotionale Beeinflussung von der Wurzel unserer Persönlichkeit her erkennen, ganz besonders die Abhängigkeit von bevorzugter Nahrung. Wir gewinnen mehr Objektivität für unser Essverhalten.

Diese erhöhte Wahrnehmung lässt uns verantwortungsvoller werden für unsere Umgebung, außen und innen, und wir werden durch die erhöhte Sensibilität Nahrung wählen, die unsere physische und vitale Energie steigert. Große Yogis und Heilige haben stets die einfache saisonbedingte Pflanzenkost empfohlen, um Energie und Vitalität zu erhalten. Das galt nicht nur für die Yogis aus Indien, sondern auch für die Zenmeister aus China und Japan, die Buddhisten aus Nepal und Thailand und ebenso für die Essener aus der christlichen Kultur.

Yoga bedeutet Einheit, und für unser elementares Sein bedeutet das, dass unser Körper und unsere Nahrungsaufnahme mit unseren physischen und unseren spirituellen Bedürfnissen im Einklang stehen müssen.

Yoga bedeutet auch, die vergangenen Traditionen mit der modernen Technologie in Einklang zu bringen, östliche und westliche Ess- und Lebensgewohnheiten zu verbinden, das Wissen der Alten mit dem Modernen zu einer Einheit zu führen.

Swami Satyananda Saraswati, Quelle: www.satyananda-yoga.de
Yoga Magazine, February 1980
Yogaheft 2

Ich möchte euch einige Gedanken über Yoga Nidra mitteilen, weil ich fühle, wie wichtig es ist, Yoga Nidra aus einer umfassenderen Sicht zu verstehen. Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass Yoga Nidra mehr ist, als nur ein seelischer Schlaf. Das Bewusstsein nimmt während des Wachseins, des Träumens und des Schlafens unterschiedliche Formen an. In Patanjalis Raja Yoga nennen wir diese Formen Vrittis oder Muster des Bewusstseins. Das Bewusstsein drückt sich in der Wahrnehmung aus; Schlaf ist eine Art der Wahrnehmung und Erinnerung eine andere. Ebenso ist Yoga Nidra eine sehr wichtige Form der Wahrnehmung.

In Patanjalis Raja Yoga ist die fünfte Stufe Pratyahara, auf der das Bewusstsein und die gedankliche Wahrnehmung von den Sinneskanälen gelöst wird. Das ist der Weg zu Konzentration und Meditation. Yoga Nidra ist ein Aspekt von Pratyahara. Während Yoga Nidra schläft man nicht, sondern man nimmt von einer bestimmten Ebene aus wahr.

Wie Yoga Nidra entstanden ist
Vor ungefähr 35 Jahren, als ich mit meinem Guru in Rishikesh lebte, machte ich eine sehr wichtige Erfahrung, die mich auf den Weg zu Yoga Nidra gebracht hat. Ich war dazu beauftragt worden, in einer Ashram-Schule, in der Kinder die Veden lernten, bis 4 Uhr morgens zu wachen; danach schlief ich gewöhnlich ein. Nach ein paar Monaten änderten sich meine Aufgaben. Ein Jahr später fand eine Feier in unserem eigenen Ashram statt, und die Kinder von dieser Schule kamen, um bei uns die Veden zu singen. Als sie sangen, waren mir die Worte vollkommen vertraut, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, wo ich sie gehört haben sollte. Ich fragte meinen Guru, und er sagte mir, dass ich sie gehört habe, während ich in der Schule schlief. Für mich war das eine große Offenbarung.

Wir glauben, dass wir mit Hilfe unserer Sinne lernen; aber durch diese Erfahrung erkannte ich, dass man sich auch ohne ein Sinnesmedium Wissen aneignen kann. Mir wurde klar, dass wir im Schlaf nicht vollkommen unbewusst sind. Auch wenn jemand tief schläft, bleibt die Persönlichkeit in Form einer Wahrnehmung bestehen; und dies ist eine sehr wichtige Wahrnehmungsform, die wach und lebendig die äußeren Situationen aufnimmt. Und durch Bewusstseinstraining kann man sich diesen Zustand zunutze machen.

Ich machte nun viele Versuche, um diese Gedanken zu untermauern, und während ich Texte über Tantra studierte, stieß ich auf wichtige, aber fast unbekannte Praktiken. Schließlich entwickelte ich ein System, das Yoga Nidra heißt. Zuerst nannte ich es schlafloser Schlaf und änderte es dann auf seelischen Schlaf ab. Aber jetzt werden mir die unermesslichen Möglichkeiten von Yoga Nidra immer bewusster, und ich denke, Yoga Nidra ist einfach Yoga Nidra! Falls Sie mich fragen, wie Yoga Nidra auf deutsch übersetzt heißt, werde ich sagen: Yoga Nidra! Es ist eine ganz internationale Übung.

Entspannung bei voller Wahrnehmung
Erst kürzlich sah ich einen Forschungsbericht von der Menninger Foundation in den Vereinigten Staaten. Unter der Leitung von Dr. Green legten die Forscher Swami Rama ein Elektroenzephalogramm an, um die Gehirnströme bei zunehmender körperlicher, mentaler und emotionaler Entspannung während Yoga Nidra zu messen. Das Ergebnis war eine Offenbarung für die Wissenschaft. Swami Rama fiel in tiefen Schlaf, das bestätigten seine Delta-Wellen im Hirn. Er nahm jedoch weiterhin seine Umgebung voll wahr. Später erinnerte er sich an alle Vorfälle im Labor und an alle Fragen, die ihm während der Tiefschlafperiode gestellt wurden. Nach einem Bewusstseinstraining kann man sich in einen solchen Yoga Nidra-Zustand hineinbegeben. Seine Wiederentdeckung hat tiefgreifende Folgen für Medizin und Sozialwissenschaften.

Wenn du Yoga Nidra übst, musst du dir klar darüber sein, dass du versuchst, den dynamischsten Zustand deines Bewusstseins zu entfalten. Während des Wachseins und im Traum vergeuden wir die Kräfte, die diesem tieferen Zustand zugrunde liegen. Du hast diese Anlagen auch jetzt; aber das Bewusstsein lässt sich gern ablenken; wir werden also durch die Sinneskanäle so weit abgelenkt, dass wir nicht in diesen Zustand kommen können.

In einem solchen Zustand verschwindet sogar das Gefühl der Selbstwahrnehmung. Wenn du dich konzentrierst, weißt du, dass du dich konzentrierst; aber wenn du Yoga Nidra machst, kommt der Augenblick, in dem du nicht mehr weißt, dass du Yoga Nidra machst. Wenn sich das Bewusstsein von den Sinneskanälen trennt, wird es sehr wirksam; aber das braucht Übung. Die unwillkürlichen Hirnsysteme müssen gewissenhaft trainiert werden, sonst gibt es keinen Unterschied zwischen gewöhnlichem Schlaf und Yoga Nidra.

Viele Menschen glauben immer noch, dass Yoga Nidra nur eine Entspannungsübung ist, und trotzdem wissen sie nicht einmal, was Entspannung bedeutet. Du bist müde also gehst du ins Bett und denkst, dass du dich entspannst. Aber bevor du nicht frei bist von körperlichen, gedanklichen und emotionalen Spannungen, bist du niemals entspannt. Diese dreifachen Spannungen müssen erst entfernt werden; dann erst dämmert die wahre Entspannung. Durch Yoga Nidra werden diese dreifachen Spannungen entfernt.

Wie wir uns aufnahmefähig machen können
Wenn wir das menschliche Bewusstsein aufnahmefähig machen wollen, muss zuerst die Zerstreutheit verschwinden. In Yoga Nidra wirst du aufnahmefähig, weil dein emotionales Bewusstsein arbeitet. Wenn ich dir sage, dass dieses falsch und jenes richtig ist, wirst du mir zustimmen, aber das ist nur verstandesmäßige Übereinstimmung. Trotz der Tatsache, dass du mit mir einer Meinung bist, ist es dir nicht möglich, dies in deinen Alltag einzubeziehen.

Während meiner Wanderzeit traf ich in einem indischen Dorf einen Mann, der ein Dieb und Räuber war. Wir redeten und redeten miteinander, und schließlich war er überzeugt, dass das, was er tat, nicht richtig ist. Er kam sogar zu der Einsicht, ein Sünder zu sein; und ich glaubte, ein Wunder vollbracht und ihn erfolgreich überzeugt zu haben! Als ich nach fünf Jahren in das Dorf zurückkehrte, fand ich ihn als denselben Menschen wieder, weil ich nur seinen Verstand und nicht sein ‚Selbst’ überzeugt habe.

Ich lebte nun ein halbes Jahr in dem Dorf, weil ich mich zu der Zeit an jedem Platz längere Zeit aufhielt. In einer Schule gab ich den Schülern und Lehrern Yoga Nidra. Glücklicherweise oder unglücklicherweise nahm er daran teil. Er wusste nicht, dass er sich in der Höhle des Löwen befand. Ich weiß nicht, wie viele Yoga Nidra-Stunden er besuchte, aber er gab seine Tätigkeit kurz danach auf.

Verstandesmäßige Überzeugung ist ein Punkt im menschlichen Leben, und wir alle sind von Gutem oder Bösem überzeugt. Aber für alles, was wir uns zu Eigen machen wollen, müssen wir auch gefühlsmäßig empfänglich sein. Und dazu muss Zerstreutheit und Ablenkung abnehmen. Wenn das Bewusstsein harmonisch ist, werden der Fluss und die Wellen des Bewusstseins ruhiger. Was immer dann als Eindruck kommt, wird zum Korrektiv, wird Bestimmung und Richtung.

Yoga Nidra mit Kindern
Ich versuchte Yoga Nidra zuerst mit Kindern, die jede Nacht das Bett nässten. Das war ein sehr einfaches Experiment. Die Mutter eines sechsjährigen Kindes, das ins Bett machte, fragte jeden Morgen: “Warum tust du das?” Dem Kind tat es leid, und am Abend sagte die Mutter: “Mach das Bett heute Nacht nicht nass.” Die Mutter setzte ihre Ermahnungen dem Kind gegenüber fort, und das Kind nässte weiterhin das Bett.

Ich brachte das Kind in mein Bett und erzählte ihm eine kurze Geschichte und sagte ihm: “Immer wenn ich eine Pause mache, sagst du Hmm.” Nach ein oder zwei Minuten hörten seine Erwiderungen auf. Ich nannte seinen Namen und fragte: “Verstehst du meine Geschichte?” Das löste eine Antwort aus: “Hmm.” Dann fragte ich es: “Hörst du jetzt zu?” Und es gab keine Antwort. Ich weckte es sofort auf und sagte: “Wenn du fühlst, dass du das Bett nässen musst, wecke mich bitte auf.” Das war genug, um diese Angewohnheit zu heilen. Ich übertrug dasselbe Experiment auf viele andere Kinder, und alle hörten mit dem Bettnässen auf.

Die Mutter ermahnte das Kind jeden Tag. Das Kind hörte es, fühlte es und fürchtete sich davor; aber es machte weiterhin ins Bett. Wenn es im schlafenden Zustand an der Schwelle des Bewusstseins war, wusste es nicht, was ich ihm erzählte. Es gab keinen sichtbaren Grund, warum es dies trotzdem fühlte; womöglich hörte es mich überhaupt nicht richtig, denn sein Hirn hat sich in den Ruhezustand zurückgezogen. Was wirkte auf das Kind ein, und welche Beziehung besteht zwischen dem Zustand des Hirns und der äußeren Situation? Falls man dem Kind etwas anderes vermittelt hätte, falls man es italienisch, französisch oder deutsch unterrichtet hätte, oder falls man es in irgendeiner kriminellen Tätigkeit unterrichtet hätte, so hätte es das auch angenommen.

Viele Forscher benutzen heute die Entdeckung dieser tieferen inneren Persönlichkeit, um neue Erziehungsmethoden zu entwickeln, die den normalen intellektuellen Bewusstseinsprozess umgehen. Das basiert auf den Erlebnissen, die ich in Rishikesh hatte und das bringt eine totale Revolution in die Erziehung.

In Bulgarien hat Dr. Lozanov, Leiter des Instituts für Suggestologie und Parapsychologie in Sophia die Suggestologie entwickelt, die auf Yoga Nidra basiert. Tiefe Muskelentspannung und Lösung von Sorgen und Ängsten aus Hirn und Bewusstsein ist eingeschlossen. Daraufhin tritt tiefe Entspannung und Aufnahmefähigkeit ein, und das erzeugt Alpha-Wellen. Diesen Zustand benutzt Dr. Lozanov, um eine Fremdsprache zu lehren – im Bruchteil der sonst üblichen Zeit. Ebenso hat er Neurosen und Allergien in diesem Zustand behandelt, Anästhesie herbeigeführt, Blutverlust gedrosselt, Wundheilung beschleunigt und Infektionen nach Operationen verringert; und er hat psychische Fähigkeiten entwickelt.

Wunderbare Dinge entstehen aus dem Zusammenfließen von Yoga und Wissenschaft. Aber eines muss betont werden. Die moderne Erziehung basiert auf Yoga Nidra, aber es ist nicht Yoga Nidra. Während das Prinzip der Entspannung von physischen, emotionalen und gedanklichen Spannungen und das Öffnen unserer unterbewussten Tiefen unserer psychophysiologischen Persönlichkeit dasselbe ist, basieren viele moderne Techniken auf Hypnose. Sie kultivieren einen passiven, suggestiven Zustand, in dem die Versuchsperson nicht mehr bewusst teilnimmt. Der Intellekt kann umgangen werden, um Heilvorschläge, Verhalten, Konzepte, Philosophien usw. zu pflanzen. Das ist eine Art Hypnose und ist sehr wirkungsvoll, wenn man sie anwendet. Nun, ist jeder in der Lage, diese große Verantwortung auf sich zu nehmen, die angeborenen Fähigkeiten und Potentiale in einem anderen Menschen zu entwickeln? Um das Bewusstsein und die innere Persönlichkeit eines anderen zu verändern, muss man frei sein von Spannungen, Neurosen, Komplexen und allen persönlichen Problemen. Man muss ein tiefes Verständnis über den Zusammenhang von Körper und Bewusstsein haben. Die Langzeitwirkungen eines solchen Trainings sind noch nicht wissenschaftlich ausgeforscht. Viele große Entdeckungen wie z. B. die Spaltung des Atoms sind missbraucht worden.

Yoga Nidra unterscheidet sich ganz und gar von Hypnose. In Yoga Nidra benutzen wir die Autosuggestion nur für einige Sekunden, und das nennen wir Sankalpa, den Entschluss. Yoga Nidra ist eine dynamische Methode, mit der man bewusst seine inneren Fähigkeiten kultiviert. Anstatt das Wissen nach innen gebracht wird, erlauben wir in Yoga Nidra dem inneren Wissen, sich zu entfalten. Erinnerung, Einfühlungsvermögen, Entspannung, Intelligenz, die Fähigkeit, die Sinne zu kontrollieren usw. sind nur einige unserer schlafenden inneren Fähigkeiten, die darauf warten, erweckt zu werden. Dies sind nur Nebenwirkungen, denn hauptsächlich führt Yoga Nidra zu einer größeren Wahrnehmung. Das erreichen wir durch aktives Teilnehmen, durch das Lernen, wie wir tief in unser Bewusstsein und Hirn graben und die verschiedenen Schalter und Mechanismen aktivieren können; das führt uns zu neuer Wahrnehmung, Kreativität und Intuition, zu der Quelle von allem äußeren Wissen. Und das alles kommt von einer einzigen Technik, die von jedem benutzt werden kann.

Therapeutische Bedeutung
Yoga Nidra wird bei Hypertonie, bei Herzkranzgefäßleiden und bei Schlaflosigkeit erfolgreich angewandt. Die verschiedensten Krankheiten mit Yoga Nidra zu heilen, wird ein neues und aufregendes Abenteuer für die Wissenschaftler sein. Krebstherapeuten in Australien und Texas erzielen mit Yoga Nidra gute Ergebnisse.

Es ist aber wichtig, Yoga Nidra mit dem yogischen Bewusstsein in Beziehung zu bringen. Es ist weder eine Therapie, noch eine Behandlung. Es ist in erster Linie ein Übungsweg, durch den wir fähig werden, unsere Wahrnehmung in einen gewünschten Zustand zu bringen. Es ist wissenschaftlich nachweisbar, dass dabei das Zentralnervensystem im Gehirn beeinflusst wird. Wenn du übst, jeden Teil deines Körpers wahrzunehmen, so ist das nicht nur eine monotone Konzentrationsform. Wenn immer du deine Wahrnehmung auf einen Teil deines Körpers richtest, überwachst du den Einfluss auf die höheren Hirnzentren. Verstehst du, was ich mit Überwachen meine? Es bedeutet, über die höheren Hirnzentren die Befehlsgewalt auszuüben.

Die äußere weiße Oberfläche des Hirns ist in verschiedenartigen Falten angeordnet. Diese Falten werden Gehirnwindungen genannt. Entlang der mittleren Windung im Hirn hat jeder Teil des Körpers einen Punkt. Daumen, Zeige, Mittel-, Ringfinger und kleiner Finger, Handgelenk, Ellbogen, Schulter usw.; alle diese Gebiete spiegeln sich auf einer Gehirnwindung wider.

In Yoga Nidra entspannen wir unser Bewusstsein, indem wir unseren Körper entspannen. Wir sprechen langsam, in gleichbleibendem Tonfall vor: rechte Hand, Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleiner Finger…., während sich die Teile des Körpers zusammen mit ihren in Beziehung stehenden Punkten im Hirn entspannen. Es wurde behauptet, dass wir mit dem monotonen Tonfall einen Zustand der Hypnose schaffen. Aber Yoga Nidra ist weit von Hypnose entfernt. Es ist eine Yoga-Übung, und es ist ein Zustand im Pratyahara.

In Patanjalis Raja Yoga ist die fünfte Stufe Pratyahara. Die erste Stufe ist Yama, dann Niyama, dann Asanas, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und schließlich Samadhi. Pratyahara ist eine besondere Kraft, die erst kultiviert werden muss. Wenn du diese Kraft erweckst, kannst du sie zur Selbstheilung oder für die Konzentration, Meditation und Samadhi einsetzen.

Wenn Pratyahara tief und kraftvoll wird, und das Hirn sich vollkommen gelöst hat, werden die schlummernden Bereiche angeregt und mit Energie durchflutet.

Visionen und psychische Ausbrüche sollten während Yoga Nidra nicht auftauchen. Aber die Stimme, die du hörst, kann leise werden, so als ob jemand weit entfernt spricht oder flüstert. Aber das Bewusstsein bleibt in fließender Bewegung, die Wahrnehmung wird nicht unterbrochen. Du kommst nicht auf eine psychische Ebene, aber du kommst an die Grenze des Bewusstseins. Das Bewusstsein umfasst nicht mehr dasselbe, als wenn du denkst. Es ist ein sehr schöner Zustand, den die Wissenschaftler ‚hypnogogic’ oder ‚hypnopompic’ nennen; ich nenne ihn die Schwelle zwischen dies und das.

Jeder hat seine eigenen Grenzen, und ich habe meine. Ich muss mich um die Verwaltung so vieler Ashrams auf der ganzen Welt kümmern, und ich muss mich um meine Schüler und alle anderen sorgen. Deshalb ist es mir unmöglich, meine Erfahrungen mit Yoga Nidra fortzusetzen, aber ich bin sicher, dass es jemand anderes tun wird.

Du kannst dir Yoga Nidra selbst beibringen. Jeder kann im Leben versagen, aber wenn du dich in Yoga Nidra für etwas entscheidest, kannst du es erreichen. Versuche Yoga Nidra auf jede Form des Leidens anzuwenden; versuche es in deiner familiären Situation und warte ab, welchen Nutzen es bringt.

Ich nenne Yoga Nidra ‚die Zähmung wilder Gedanken’. Es ist eine Technik, diese wilden Gedanken – das menschliche Bewusstsein – zu zähmen. Dieses zügellose, dieses ungeordnete, gebrochene und schizophrene Bewusstsein kann in ein schönes Muster gebracht werden, wenn du Yoga Nidra übst.

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