Mantra und Bewusstsein

von Swami Satyananda Saraswati, Quelle: www.satyananda-yoga.de
Yoga Heft Nr. 30

In der Tantrischen Philosophie ist Mantra eine Kraft, die zum Erwecken des spirituellen Bewusstseins nutzbar gemacht werden kann. Die Basis von Mantra ist Klang, der sich vom Groben zum Feinen bewegt. Im ganzen Kosmos gibt es langsame, mittlere und schnelle Klangwellen. Die mittleren sind für uns wahrnehmbar, die langsamen und schnellen dagegen nicht. Wenn der Klang eines Mantras hörbar ist, ist die Frequenz im mittleren Raum und für uns wahrnehmbar. Aber wenn das Mantra still intoniert wird, ist die Frequenz höher und für uns nicht mehr wahrnehmbar.

Ein Mantra wirkt daher auf niederer und auf höherer Ebene. Wenn du einen Klang erzeugst und die Frequenz beschleunigst, dann berührt das das innere Reich des Bewusstseins. Wenn du einen Stein in einen ruhigen See wirfst, dann erzeugt der Aufprall kleine Wellen, die sich immer weiter ausdehnende Kreise bilden, je nach Kraft und Gewicht des Steins. Genauso wirkt das Wiederholen eines Mantras, der Klang schlägt auf das homogene Bewusstsein und erzeugt kleine Wellen, die bei der Ausdehnung des Bewusstseins hilfreich sind.

Die Barriere
Das Bewusstsein hat zwei Bereiche – individuell und universell. Eigentlich gibt es im ganzen Universum nur ein Bewusstsein, was sich aber gemäß dem einzelnen Kreislauf individualisiert. Dein Bewusstsein und mein Bewusstsein sind z.B. nicht zwei; es sind verschiedene Kreisläufe von einem Bewusstsein. Die Wahrheit ist, dass das individuelle Bewusstsein Teil des homogenen, universellen Bewusstseins ist. Deshalb kann auch das individuelle Bewusstsein immer mit dem kosmischen Bewusstsein verbunden werden, wenn wir wissen, wie. Wir müssen das als Gesetz betrachten, was für das spirituelle Leben von größter Bedeutung ist.

Wenn wir mit der Mantra Übung beginnen, erzeugen wir Vibrationen im äußeren Bewusstsein. Wenn das Bewusstsein dann ruhig und konzentriert wird, werden diese Vibrationen in den universellen Bereich des Bewusstseins übertragen. In diesem Moment bricht die Barriere zwischen individuellem und universellem Bewusstsein zusammen. Durch diese Barriere sind wir voneinander getrennt; du weißt nicht, was ich denke, und ich weiß nicht, was du denkst.

Das Bewusstsein ist eine universelle Mutter und seine Natur ist die der drei Gunas – Sattwa (Ausgeglichenheit), Rajas (Dynamik) und Tamas (Trägheit). Das Bewusstsein besteht aus Buddhi (unterscheidender Intellekt), Chitta (Inhalt des Bewusstseins) und Ahamkara (Ego, Ichbewusstsein).

In Tantra ist das Bewusstsein nicht das Denken, wenn wir das auch oft so interpretieren. Gedanken und Gefühle sind Ausdruckskräfte des Bewusstseins, aber nicht das Bewusstsein selbst. Wellen des Meeres sind Manifestationen des Meeres, aber nicht das Meer selbst. Gedanken und Emotionen sind die Vrittis (Muster) des Bewusstseins. Zorn, Leidenschaft, Begierde, Eifersucht, Liebe, Erinnerung, Urteil – das alles sind Muster, aber nicht das Bewusstsein.

Bewusstsein ist homogene Wahrnehmung, und ist zweifacher Natur – außen und innen. Sinnliche Wahrnehmung kommt von außen. Wenn wir das Bewusstsein von den Sinnen loslösen, entsteht innere Wahrnehmung. Wir können in beide Richtungen gehen. Extrovertiertes Bewusstsein bringt die Erfahrung von Form, Klang, Berührung, Geschmack und Geruch durch die fünf verschiedenen Sinnesorgane. Die sinnliche Erfahrung ist das Spiel des Bewusstseins. Wenn das Bewusstsein introvertiert wird, sind die Sinne inaktiv und leblos. Dann hört, sieht, schmeckt, spricht oder fühlt man nicht. Diesen Zustand nennen wir Pratyahara. Wenn das Bewusstsein sich nach innen zieht, durchbrichst du langsam die Barriere und kannst den Kosmos erkennen, eine unendliche Erfahrung. Es ist ohne Anfang und ohne Ende, ohne Umfang und ohne Mittelpunkt.

Wir beschreiben Wahrnehmung als äußerlich oder innerlich, materiell oder spirituell. Die materielle Wahrnehmung ist eine äußere Erfahrung des Bewusstseins. Spirituelle Wahrnehmung ist eine innere Erfahrung des Bewusstseins. Wenn das Bewusstsein eine Schranke hat, ist es auf materielle Erfahrung beschränkt, wenn die Schranke aufgeht, kommt die spirituelle Erfahrung. Laut yogischer Philosophie ist diese Schranke Avidya (Ignoranz) oder Maya (Illusion). Durch die Mantra Übung bricht diese Schranke entzwei.

Formationen des Bewusstseins
Jedes Mantra hat einen bestimmten Klang. Wir kennen nicht alle Klänge, wissen aber, dass es verschiedene Klänge gibt, sanfte und stärkere. Was geschieht, wenn ein Klang erzeugt wird? Wissenschaftler fanden heraus, dass sich die Gehirnwellenmuster dadurch verändern, während Tantriker von den Formationen des Bewusstseins sprechen.

Das Bewusstsein besteht nicht aus einem einzigen Element. So wie Wasser sich aus der Kombination von Hydrogen und Oxygen bildet, so ist auch das Bewusstsein eine Kombination unzähliger Formationen. In Yoga und Tantra nennt man diese Formationen Samskaras. Sie sind der Nachlass individueller Erfahrung durch viele Inkarnationen.

Das Bewusstsein arbeitet wie eine Kamera. Alles, was durch die Sinne erkannt und erfahren wurde, bleibt in einem unterschwelligen Teil des Bewusstseins eingeprägt. Diese Eindrücke sind so unzählig, dass du sie niemals alle kennen kannst, außerdem ist es nicht leicht, sie zu klassifizieren. Einige sind schwach und unbedeutend, während andere einen starken Einfluss auf den Charakter, die Gewohnheiten und die Persönlichkeit haben. Einige sind nur zeitweilig da, während andere dich ununterbrochen begleiten.

Man weiß, dass mächtige Gedanken wie Zorn, Leidenschaft, Eifersucht oder Angst gelegentlich im Bewusstsein aufsteigen, aber während der Meditation sind es viele unbedeutende Gedanken, die kommen und gehen. Das ist so, weil wir die Formationen des Bewusstseins nicht gereinigt haben. Die erste Vorbereitung zur Meditation ist deshalb Chitta Shuddhi (mentale Reinigung). Das sollte nicht als religiöse Übung missverstanden werden. Chitta Shuddhi bedeutet das Zurechtrücken der Formationen des Bewusstseins. Du wirst sonst während der Meditation von vielen kleinen Gedanken überfallen, die Ruhelosigkeit und Ablenkung mit sich bringen. Um Chitta Shuddhi auszuführen, wiederholt man am besten ein Mantra; wichtig ist, alle Gedanken, die während der Übung auftauchen, zu beobachten.

Die Formationen des Bewusstseins haben drei Bereiche – Vikshepa (Ablenkung), Vikalpa (Visionen in der Zielgerichtetheit) und Laya (vollkommene Auflösung). Vikshepa ist der Bereich, wo das Bewusstsein ständig von einem Punkt zum anderen springt und niemals konstant sein kann. Wenn du dich z.B. auf eine Kerzenflamme konzentrierst, und ein ablenkender Gedanke aufsteigt, nennt man das Vikshepa. Das ist eine Formation des Bewusstseins.

Die zweite Formation nennt man Vikalpa. Wenn du in Pratyahara gefestigt bist, dein Bewusstsein von den Sinnen gelöst hast, tritt zielgerichtete Wahrnehmung ein. In diesem Moment hast du Visionen. Du konzentrierst dich vielleicht auf eine Lichtquelle, aber nun tauchen Bilder auf dem inneren Bildschirm auf. Diese psychischen Formationen des Bewusstseins nennt man Vikalpa, und es ist sehr schwer, sie aufzubrechen. Wenn ein Gedanke in Dhyana Yoga auftaucht, kannst du ihn ganz sicherlich mit Willenskraft verscheuchen. Aber wenn Vikalpa kommt, dann bist du hilflos. Dieses sind unwillkürliche Ausdrucksformen der psychischen Formationen und du hast keine Kontrolle über sie. Wie wirst du sie vernichten oder zurechtrücken? Jetzt ist das Mantra sehr hilfreich, denn es ist in der Lage, die psychischen Formationen, Vikalpa, zu zerstören.

Es gibt noch eine dritte und mächtige Formation, man nennt sie Laya, Auflösung, Aussetzen. Zu dieser Zeit wird das Bewusstsein vollkommen eliminiert und es entsteht Shoonya (Leere). Du hast dich auf eine Flamme konzentriert und plötzlich ist alles ausgeschaltet; keine Flamme, nichts, und du bist total hilflos, verloren. Das ist eine sehr hartnäckige Formation.

Es gibt also drei Arten von Samskaras: Ablenkung, psychische Visionen und Aussetzen des Bewusstseins. Wie wirst du dich von diesen Formationen befreien? Mantra ist für diesen Zweck ein wertvolles Werkzeug, und es ist absolut notwendig, eine Mala dabei zu benutzen. Mantra und Mala werden zusammen die Formationen des Bewusstseins zurechtrücken. Während du z.B. Om, Om, Om wiederholst, gleitet dein Bewusstsein plötzlich ab und Visionen tauchen auf. Das Drehen der Mala wird die Visionen beenden und dein Bewusstsein zurückholen. Das ist die Bedeutung des Mantras im Zusammenhang mit Dhyana Yoga und dem Erwecken des spirituellen Bewusstseins.

Bija Mantras
Die Bija (Samen) Mantras sind kraftvolle Klänge, die einschneidende und unmittelbare Wirkungen haben. Es gibt viele Millionen Bija Mantras, aber wir kennen nur einige. Jedes von ihnen hat sein eigenes Element, was wiederum mit einem Zentrum im Körper verbunden ist. Om gehört zu Äther, dem feinsten Element. Äther ist mit dem Ajna Chakra verbunden, und deshalb ist Om das Mantra von Ajna; man betrachtet es als Vater, als kraftvollstes aller Bija Mantras. Wer ernsthaft nach der absoluten Wahrheit sucht, benutzt das Mantra Om.

Das ist nur eine Illustration eines Bija Mantras mit seinem dazugehörigen Element und Chakra. So gibt es viele: Das Mantra Lam gehört zum Erdelement, dem Sitz von Mooladhara Chakra. Vam behört zum Wasserelement, dem Swadhisthana Chakra. Ram behört zum Feuerelement, dem Manipura Chakra. Yam gehört zum Luftelement, dem Anahata Chakra. Ham gehört zum Ätherelement, dem Vishuddhi Chakra.

Bija Mantras sind ganz sicher eine hoch potenzierte Dosis. Aspiranten, die ihre mentalen Formationen noch nicht zurechtgerückt haben, sollten ein normales Mantra benutzen und kein Bija Mantra. Wenn du ein Bija Mantra benutzt, dann ist das Erwachen von Prana nicht mehr zu kontrollieren. Aus dem Grunde haben viele Menschen schon nach dem zweiten Tag der Mantra Übung innere Erlebnisse.

Wichtig: Guru und Üben
Ein Mantra sollte vom Guru empfangen werden. In einem Buch kannst du das für dich richtige Mantra nicht finden. So wie die Patrone vom Hammer des Gewehres angeschlagen werden muss, um zu feuern, so muss das Mantra vom Hammer des Guru angeschlagen werden, um das Bewusstsein zum Explodieren zu bringen. Die Verbindung zwischen Guru und Jünger ist allein das Mantra. Wenn der Guru dem Aspiranten das Mantra gibt, wird er sein Jünger. Jemand, der mit dem Mantra arbeitet und es entwickelt, wird ein Jünger. Mit Hilfe des Mantras versucht er, die Samskaras, die verschiedenen Formationen des Bewusstseins, zurechtzurücken.

Der Guru wählt das Mantra entsprechend deines Tierkreiszeichens, deines Temperaments, deiner Krankheit oder deines spirituellen Pfades. Wenn du das Mantra von deinem Guru empfangen hast, musst du es jeden Tag fünf bis zehn Minuten praktizieren. Ohne Üben wirst du nichts gewinnen, ganz egal, wie kraftvoll dein Mantra ist.

Das Mantra muss viele tausend Male wiederholt werden. Am Anfang sprichst du es laut, die Vibrationen sind dann äußerlich und die Wirkungen gröberer Natur. Wenn dein Bewusstsein allmählich ruhiger wird, werden die Vibrationen stärker und das Mantra dringt tiefer in das Bewusstsein ein, zuerst in das Wachbewusstsein, dann in das Unterbewusste, schließlich in das Unbewusste. Einmal hier angelangt, zerstört das Mantra alle Samskaras und mentalen Formationen. Aus diesem Grunde muss das Mantra regelmäßig mit der Mala wiederholt werden.

Wenn du das Mantra Om hast, praktizierst du z.B. fünf Malas jeden Tag. Wenn du morgens keine Zeit hast, mache es abends. Viele Eheleute trauen sich nicht, das Mantra nach Maithuna (dem Geschlechtsverkehr) zu praktizieren, aber laut Tantra ist die Wirkung zu dieser Zeit noch größer. Wenn du dir also fünf Malas am Abend gesetzt hast, dann mache es auch. Egal, was für ein Leben du führst – erst das Mantra, dann Schlafengehen.

Das Mantra ist eine reinigende Kraft. Nichts in der Welt kann es verunreinigen. Seine Kraft ist so groß, dass es alle Samskaras beherrschen und zerstören wird, egal, was du isst, wie du lebst, was du denkst oder welche Religion du hast. Wenn die Samskaras zerstört sind und der Vorhang auseinander fällt, wird das Göttliche wie die Sonne vor dir erscheinen. Wonach du gesucht hast, ist nicht weit, nur ein Schleier ist zwischen dir und mir, der durch Mantra Shakti, Mantra Yoga zerstört werden muss. Om ist das mächtigste aller Mantras.

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