Selbstreinigung

(Yoga Magazin 1977)
Yoga Heft Nr. 1, Quelle: www.satyananda-yoga.de

Pratyahara ist Inneres Bewusstsein, das Zurückziehen der Sinne. Patanjali, der Autor der Yoga Sutras nannte Pratyahara Rückzug oder Rückkehr. Dies ist ein so wichtiger Aspekt für das menschliche Leben und sollte von jedem verstanden und geübt werden. Nachts während des Schlafes zieht sich das Bewusstsein von allen äußeren Dingen zurück, und wir sind uns der im Wachbewusstsein normalen Dinge wie Eltern, Freunde, Umgebung, Leid und Freud, Gewinn und Verlust, nicht bewusst; wir haben nicht einmal eine deutliche Bewusstheit für uns selbst. Dieser Rückzug des Bewusstseins, den die Natur so wohlwollend eingerichtet hat, rettet uns vor Geisteskrankheit. Es ist das größte Geschenk der Natur an den Menschen, ohne das die Menschen wahnsinnig würden.

Schlaf ist kein physiologischer Zustand, es ist ein Zustand des Bewusstseins. In Patanjalis Sutras ist Schlaf eines der ‚Chitta Vrittis‘, eine der fünf Bewusstseinsformen. In Pratyahara zieht sich die objektive Wahrnehmung genauso zurück, wie im Schlaf, wir bleiben dabei jedoch vollkommen wach. Pratyahara ist ein Yogazustand, in dem das Bewusstsein erhalten bleibt. Im Schlaf sind wir unbewusst.

Pratyahara wäre die leichteste menschliche Betätigung, wenn es nicht die eine große Schwierigkeit gäbe, nämlich die Wahrnehmung aufrecht zu halten. Das Zurückziehen von äußeren Geschehnissen ist nicht so schwierig, aber wie sollen wir uns zurückziehen und gleichzeitig wach bleiben? Hier beginnt die Yogaübung. Man richtet sich auf einen bestimmten Punkt und verhindert dadurch das Einschlafen.

Antar Mouna ist eine wichtige Technik für Menschen mit unausgeglichenen Gefühlen und verwirrten inneren Eindrücken und Bildern (Samskaras). Für alle, die unfähig sind, sich auf eine Sache zu konzentrieren, bietet Antar Mouna die Voraussetzung und die Basis für den Prozess der Selbstreinigung. Wenn das Bewusstsein gereinigt ist, kommt die Konzentration ganz automatisch.

Man kann Antar Mouna in vielen Yogahaltungen machen, in Padmasana, Siddhasana, Vajrasana, Sukhasana oder – wenn diese Haltungen alle nicht möglich sind, auch in Shavasana, der Totenhaltung. Man kann es auch in einem Sessel machen. Das Wichtigste ist es, immer daran zu denken, nicht mit sich selbst zu kämpfen. Es ist ein wunderbares Heilmittel bei Schizophrenie (gespaltenes Bewusstsein). Die meisten von uns sind bis zu einem gewissen Grad gespalten, denn wir kämpfen mit ungewollten Gedanken, und das erzeugt in jedem Fall Konflikt. Immer dann, wenn wir etwas denken, das wir nicht denken wollen oder nicht gutheißen, gerät ein Teil des Bewusstseins mit dem anderen in Konflikt. Das führt zu Spaltung.

Während Antar Mouna darfst du dich nicht konzentrieren. Hier siehst du deinen eigenen Geist, beobachtest deine Wahrnehmungen und akzeptierst alle Erfahrungen. Auch wenn jemand kommt und dich stört, oder ein Flugzeug fliegt über dir, beobachte und akzeptiere es. Sei ein stiller unbeteiligter Zeuge all dessen, was passiert. Beobachte den Teil des Bewusstseins, der denkt und den Teil, der Gedanken ablehnt.

Wenn wir gesund sein wollen, müssen wir unsere Gedanken akzeptieren, egal ob sie heilig sind oder bösartig. In Antar Mouna nehmen wir diese Gedanken wahr und ebenso die Visionen oder Bilder, die Töne, die Gefühle, Berührung unseres Körpers, den Stuhl auf dem wir sitzen, Menschen um uns herum, das Auto, das vorbeifährt. Wir nehmen wahr und versuchen nicht, vor der Wahrnehmung zu flüchten.

Millionen von Samskaras, latenten Eindrücken, die in den Tiefen des Bewusstseins begraben sind, kommen immer hoch und beeinflussen unser Verhalten, unsere Persönlichkeit und unseren Lebensweg. Wenn du dich mit Pranayama vorbereitest, dann explodieren diese Samkaras aus der Tiefe deines Bewusstseins und kommen an die Oberfläche. In diesem Moment können wir erkennen, was sich dort alles abspielt. Normalerweise kommt ein Gedanke in dem Moment, wenn wir uns konzentrieren wollen. Wir sagen ‚Nein‘ und schieben ihn auf die Seite. Aber das ist für unsere Persönlichkeit nicht gut und auch nicht für unsere spirituelle Entwicklung. Es ist so, als wenn man Durchfall hat und den Bauch kontrollieren will. Wenn wir starke Medikamente nehmen, hört vielleicht der Durchfall auf, aber dann entstehen vielleicht Pickel oder die Mandeln entzünden sich. So wie ein kranker Magen oder Darm den Körper vergiftet, so vergiften schlechte Gedanken (die jeder von uns hat), die Psyche. Das Ergebnis davon ist, dass wir uns Tag und Nacht ärgern oder sorgen, oder wir sind dauernd krank oder tragen uns mit Selbstmordgedanken. Das ist der Grund, weshalb jeder aufsteigende Gedanke akzeptiert werden sollte.

Schließe deine Augen und nimm wahr, was du denkst. Vergangenheit, die Gestalt oder das Gesicht eines Freundes, Menschen, die du hasst oder liebst – lasse alles kommen. Vergiss nur nicht, dass du nicht zu ihnen gehörst und sie nicht zu dir. Du bist Beobachter und sie ziehen an dir vorbei. Wenn jemand, den du liebst, in deine Gedanken kommt und du lässt dich in die Fantasie verwickeln, dann klammerst du dich an den Gedanken. Sich in einen Gedanken verwickeln zu lassen, schafft jedoch neue Gedanken und neue Eindrücke, die du innen speicherst. Diese Eindrücke sterben nicht; sie kommen wieder hoch. Antar Mouna ist das wertfreie Beobachten aller Gedankenmuster, und dadurch werden sie entfernt.

Wenn du während der Übung nichts sehen kannst und keine Gedanken kommen, dann mache einfach noch etwas Pranayama, dann wird die Öffnung geschehen. Es ist gut, wenn dir während Antar Mouna viele Gedanken und Probleme bewusst werden. Indem du sie beobachtest und akzeptierst, werden sie schwächer, und dann wirst du sie entfernen können.

Trotz all unserer Bemühungen, auf dem spirituellen Weg weiter zu kommen, ist es unmöglich, eine höhere Stufe des Bewusstseins zu erreichen, wenn diese schrecklichen Grimassen, diese fürchterlichen Symbole und dunklen Ecken in uns sind. Jemand mit Krebs oder einem Tumor wird nicht wieder gesund, nur weil er Früchte und andere vitaminreichen Nahrung zu sich nimmt. Egal, wie viel wir beten oder uns besinnen, wie enthusiastisch wir auch sein mögen, die Erleuchtung wird niemals näher kommen, so lange diese hässlichen Bilder in uns sind. Zuerst muss unser überladenes Bewusstsein gereinigt werden, und das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Es kann Monate oder Jahre dauern.

Sie haben uns gelehrt, bestimmte Gedanken nicht zu denken – unsere Eltern, die Gesellschaft und die heiligen Schriften. Allmählich sind alle diese ‚verbotenen‘ Gedanken so tief vergraben worden, dass sie nicht mehr bewusst hochkommen können. Zu irgendeiner Gelegenheit jedoch, vielleicht beim Tod eines nahen Freundes oder Verwandten, beim Verlust eines erfolgreichen Geschäftes usw., findet plötzlich eine Explosion statt, und diese hässlichen Bilder kommen hoch. Jahrzehnte der Unterdrückung haben sie sehr mächtig gemacht, und wir können nicht mit ihnen umgehen. Diese alten Bilder explodieren wie eine Bombe und bringen manchmal die Menschen zum Wahnsinn.

Um das zu vermeiden, müssen wir mutig beginnen, diese schmutzigen Gesichter hochzubringen und aus unserem Bewusstsein zu entfernen. Ohne Furcht können wir diese mächtigen Gedanken beobachten, ohne uns mit ihnen zu identifizieren. Ich kenne Aspiranten, die Tausende von Menschen während Antar Mouna getötet haben, aber heute sind sie wunderbare Seelen.

Die versteckten Samskaras, die in uns arbeiten, sind Hindernisse auf dem spirituellen Weg und in unserem täglichen Leben ebenso. Wenn du einen Weg kennst, mit ihnen zusammen zu leben, dann gehe ihn. Ich jedoch kenne keinen anderen Weg, als sie hochzubringen und sie zu vernichten. Ich weiß, sie stinken und fühlen sich abscheulich an. Es sind unerfreuliche Gedanken der Gewalt, der Leidenschaft, es sind schreckliche Depressionen und fürchterliche Angst. Wenn sie unerwartet hochkommen, werfen sie uns vollkommen aus dem Gleichgewicht. Deshalb beginne damit, sie Stück für Stück hoch zu holen, so dass du irgendwann gereinigt bist. In Yoga ist dieser Zustand als ‚Atma Shuddhi‘ oder ‚Chitta Shuddhi‘ bekannt. Jeder spirituelle Aspirant sollte erkennen, dass er das höhere Bewusstsein, Gott oder wie immer du es nennen magst, nicht erkennen kann, so lange dieser Zustand nicht erreicht ist. Du kannst fünfzehnhundert Jahre lang beten, du kannst deine Mala Perlen rollen – ich will dich nicht entmutigen, mache weiter. Die lästigen Samskaras, das größte Hindernis zwischen dem ‚Ich‘ und dem ‚Das‘ werden bleiben. Antar Mouna ist der einzige Weg, aus diesem Dilemma herauszukommen.

Das 20. Jahrhundert ist eine Zeit der Unterdrückung. Der Mensch ist nicht frei. Er gräbt sich selbst Löcher und strampelt darin herum, ohne irgendetwas über sich zu wissen. Er hat verschiedene Definitionen, Glauben, Urteile und Etiketten geschaffen, die ihn binden und leiden lassen. Yoga kann den Menschen dieses Jahrhunderts den Weg der Selbstreinigung zeigen. Für alle, die ihr Leben Gotte weihen oder durch Yoga Samadhi oder Meditation erreichen möchten, habe ich nur eine Botschaft: Räume zuerst die Felsblöcke aus dem Weg, dann kannst du deine Reise sicher fortsetzen. Wie kann ein unfähiger, begrenzter, durch Ketten gebundener Geist höchstes Bewusstsein erlangen? So wie ein schmutziger Spiegel niemals dein Bild wiedergeben kann, so kann ein schmutziger Geist ein reines Bewusstsein nicht reflektieren, egal, wie lange du chantest, singst oder meditierst. Aus diesem Grunde sollten spirituelle interessierte wie auch kranke Menschen an ihrer Selbstreinigung arbeiten, nämlich mit Antar Mouna. Dann wird sich das Tor zur Meditation, zu spiritueller Wahrnehmung und zu Gesundheit und Glück von allein öffnen.

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